derzeitige Ausstellung: Mitgliederausstellung "Visionen in Weiß"

 

 

Ausstellungs-Rezension des Reutlinger Generalanzeigers vom 20. Januar 2022

 

Ausstellungseinführung von Helmut Anton Zirkelbach (Auszug):

 

Was sich alles mit der Nichtfarbe Weiß verbindet ist verblüffend, ein Prisma zerlegt farbloses Licht in rotes, orangefarbenes, gelbes, grünes, blaues und violettes Licht, Weiß also – die Summe aller Farben, das wissen wir. Wir sehen Weiß und verbinden damit Gefühle und Eigenschaften, die wir keiner anderen Farbe zuschreiben – Weiß ist die vollkommenste aller Farben, es gibt kaum einen Zusammenhang in dem Weiß einen negative Bedeutung hat. Und so ist jeder weiße und leere Raum immer zugleich eine Einladung zu einem Neuanfang des Schaffens, einem Neuanfang der Phantasie, so auch unsere kleine Galerie die Pupille, immer wieder aufs Neue, für jede Ausstellerin, jeden Aussteller, eine Herausforderung und ich sag´s ihnen, für diese Jahresausstellung war es ein ganz besonders schweres Unterfangen, die Bilder und Objekte so zu ordnen, dass es Sinn ergab. Nun also zu unserer Ausstellung, zu unserer Jahresausstellung, zu der auch ich sie alle sehr herzlich begrüße und die wir extra ins neue Jahr verschoben haben, unschuldig wie wir sind, wollen wir jungfräulich das Jahr beginnen, mit Weiß, mit Visionen in Weiß und jede Künstlerin, jeder Künstler zeigt uns seine ureigene Sicht zu diesem ehrlichgesagt nicht ganz einfachen Thema. Der weiße Kunstreigen beginnt also im vorderen Raum mit einer kleinen unscheinbaren Drahtskulptur von Inge Rau, ohne Titel. Das von Hand geformte graue Drahtobjekt, dessen Ausläufer wie Äste eines Baumes sich in alle Richtungen erstreckt und jeweils spitz zuläuft, wurde offenbar nach Fertigstellung weiß übertüncht, angemalt oder angesprüht. Auf einem Podest mit Spiegelfläche steht die tanzende Figur, reflektiert sich selbst und ermöglicht uns damit die Auseinandersetzung mit Realer Skulptur und dem spiegelverkehrten Abbild. Unmittelbar daneben die Malerei von Gabriele Seeger, Öl auf Leinwand, sie trägt den schönen Titel „Winter“ und wir sehen eine Art Landschaft mit Häusern darauf, Querlinien behaupten sich und unterteilen das Gemälde in eine Art Felderlandschaft mit größeren und kleineren Abschnitten. Zur einst Blauen Grundfarbe gesellt sich einzelnes rotes Feld, angeschmiegt an eine deutliche Hausform. Das ganze Land ist mit weiß überlasiert und die kalte Sonne inmitten des Bildes, trägt wohl zum gleißenden Licht bei, nicht aber zur wohltuenden Wärme. Als „Odin und seine Raben“ bezeichnet Elke Roth ihre, wohl mit Absicht leicht überfrachtete, sitzende Skulptur aus allerhand unterschiedlichen und nicht identifizierbaren Materialien. Jedenfalls sitzen zwei Raben links und rechts auf den Schultern Odins und flüstern ihm wohl, laut Sage, alles ins Ohr, was sie sehen und was sie hören. Bei Tagesanbruch entsendet er sie, um über die ganze Welt zu fliegen, und zum Frühstück schon kehren die Galgenvögel zurück und berichten ihre Neuigkeiten. Der Rabengott, der nur ein sehendes Auge zu haben scheint, macht sich davon wohl sein eigenes inneres Bild vom Weltgeschehen. Nun zu meiner eigenen Arbeit, welche auch schon auf der Einladungskarte zusehen war, unschwer stellen wir fest, es ist keine Radierung, was für mich sehr ungewöhnlich ist. Klebeband, Radiergummi, Kerze, Mörser, Seife, Glühbirne, Einmalhandschuh, Rehschädel, Trichter, Wildschweinkiefer, Schmerztabletten und schließlich ein menschlicher Totenschädel mit ffp2-Maske, neben weiterem Krimskrams findet sich auf dieser Fotografischen Arbeit. Alles Dinge unmittelbar griffbereit in meinem Atelier, wenn man so will Zivilisationsmüll, Teller, Knochen, kaputte Glühlampen, eine Bierflaschenscherbe, Plastik-und-Metallkram bilden diesen kleinen Kunstkosmos, alles was mir gerade in die Finger kam und möglichst farblos Weiß war durfte aufs Bild. Was bietet sich hier für ein kleines Szenario, ist es der Tag vor oder nach der Apokalypse? Und ist der Bildschöpfer völlig durchgedreht? Was wohl mögen Archäologen in 5000 Jahren denken, wenn sie unseren Alltagsmüll ausgraben werden, und was für ein Bild werden sie sich von uns machen? Weiße Schritte wagen, sagt Jutta Peikert und lässt weiße Keramikfüße in unterschiedlichen Größen und ohne Restkörper von der Ecke heraus in den Raum spazieren. „Weiße Schritte wagen“ heißt vielleicht auch Schritte ins Unbekannte wagen, sich in Neuland zu begeben, neues Terrain betreten. Alles was war, lasse ich hinter mir, ich starte neu. Die Assoziation einer Familie tut sich auf, große Füße, mittelgroße, kleine…aktuelle Begriffe wie Aufbruch, Flucht, Neuland kommen mir in den Sinn. Warum machen sich Menschen zu Fuß auf den Weg? Was ist es das sie dazu bewegt? Wir alle müssen gehen, weil das Leben gestaltet werden muss, so einfach! Mit KI betitelt Ingrid Swoboda ihr zweites Bild, also vermutlich Künstliche Intelligenz, eine in kalt-weiß-graues Licht getauchte „Alien-Figur“ steht sehr abstrahiert im Vordergrund der dunkelgrauen Malerei, ein menschlicher Schatten ist gerade noch erkennbar. Zur echten Seite hin öffnet sich das Bild in helle Ockerfarbene Flecken. Was passiert, wenn plötzlich unsere Probleme von einer Künstlichen Intelligenz gelöst werden, wenn menschliches Lernen umgewandelt wird in Mathematik und diese unseren Alltag bestimmt, nun eine Ahnung davon bekommen wir ja gerade, alles dreht sich nur noch um Inzidenzzahlen, um Hospitalisierungsraten, wer aber fragt nach dem Menschen und seinem Befinden und wie einsam muss Joseph Weizenbaum im Herzen gewesen sein, der in den 60ziger Jahren ein Computerprogramm erfunden hat, welches mit dem Menschen kommunizieren konnte? Und wie einsam sind wir mit unseren Smartphones inzwischen? 2 x vier Holzdrucke auf handgeschöpftem Papier zeigt uns Renate Quast unmittelbar neben der Türe zum großen Raum hier, weiß auf naturweiß sozusagen. Mit „Zusammen-Halten“ und „Nicht-Aufgeben“ wählt sie Titel passend zur Lage der Corona-gepeinigten Menschheit. Diagonal und quer durch die Bildfläche laufen die Schnittbahnen auf weißem Grund, auf allen vier Blättern in unterschiedliche Richtungen, irgendwie wird es schon zusammenhalten das ganze Gefüge, auch eine gewisse Kraft ballt sich da zusammen. - Anders, leichter die zweite Grafik, viermal derselbe weiße Punkt, immer anders positioniert, eine Art von Anfang steckt in dieser Grafik, eine Anzahl weißer Nägel oder Stifte oder vielleicht sogar Spermien tangieren den weißen Punkt, treffen auf die kleine Welt, oder streifen sie nur, manche driften vorbei, bleiben separat. Einen Guckkasten, einen Schau- und Betrachtungskasten hat uns Jochen Meyder aufgestellt, er erlaubt uns durch einen Sehschlitz Einblick ins Innere zu nehmen. Und ohh Wow, was für eine Anzahl weißer Figuren verbirgt sich darin? Durch seitlich angebrachte Spiegel führt uns Meyder in die Irre, Die weiße Figurengruppe spiegelt sich darin nach allen Seiten hin, bis ins unendliche. „Ich und die anderen“ ist das Objekt übertitelt. Bin mit „Ich“ ich als Betrachter gemeint und betrachte die anderen, die zwar Individuen zu sein scheinen, sich aber durch die sich wiederholende Spiegelung reproduzieren? Oder befinde ich mich innerhalb des Guckkastens, bin einer der weißen Gipsfiguren, die mitunter verletzlich und brüchig wirken? Unterscheide ich mich von den anderen und wenn ja, worin? Licht und Schatten, Form und Nichtform, Schärfe und Unschärfe sind die Themen auf den drei Fotografischen Tafeln von Gudrun Heller-Hoffmann, rechts der Eingangstüre des großen Raumes. Die jeweils abstrakten Kompositionen sind wie Erkundungen zwischen Fläche und Körper, zwischen Weiß und Schwarz-Grau-Blau-Brauen Schattenkörpern. Das „Auftauchende Weiß“, so der Titel, das auftauchende Weiß braucht den dunklen Wiederpart. Unverkennbar Landschaft, unverkennbar der verschneite Alb, unverkennbar die Handschrift von Karl Striebel. Der Künstler beschränkt sich auf wenige Mittel, Bleistift, Weiße und Graue Farbe, mehr braucht er nicht um zu zeigen was er will. Die Schneealb, Büsche, Felsen, Wälder und Lichtungen sehen wir auf dem SchneealbQuartett, es geht ihm nicht um Erkennbarkeit einer Landschaft, sondern viel mehr um Atmosphärisches, die Bilder müssen Atmosphäre atmen, darum geht’s. „Weiß-Grau“ ist der schlichte Titel der Tusche-und-Ölpastellzeichnung von Ulrike Holzapfel. Das weiß des Papiers ist die Dominate im Bild, bildet den Vorstellungsraum. Der brüchige Tuschestrich fährt hoch und runter wie ein Gebirge, sehr spontan mit der Hand gesetzt, wirkt es wie ein Stimmungsbarometer und doch wie eine asiatische Landschaft, sehr frei! Der Pinselstrich ist weniger optische Erfassung einer Gestalt oder Landschaft, sondern Behauptung und Sichtbarmachung seiner Selbst. Hellgraue Flächen nur angedeutet, rhythmisieren die Bildfläche und kleine, weißgraue unruhige Verdichtungen provozieren einen Übergang zwischen Zeichnung und dem Weiß des Papiers. Tolle Zeichnung liebe Ulrike! Wie ein Rätsel der Sichtbarkeit kommt die Malerei von Gisela Achour daher, ein Rätsel aus Senkrechten und Waagerechten, ins Weiß gekratzte Linien, offen angelegt wie die Überreste eines Gewebes. Es ist die Kratzspur, die Bewegung der Hand der Künstlerin, die Graphie, die in der im Bild zurückbleibenden Spur ein Überbleibsel, einen Rest, ein Relikt bewahrt. Die dunkle, am Rand gut sichtbare Grundierung erlaubt das Freikratzen in der hellen, weißen Bildfläche darüber. Kleine eingeschriebene Rechnungen und Zahlen, Buchstabenrätsel und metaphorische Andeutungen auf Sprache verbergen sich ganz wunderbar darin. Mit „Schnee von Gestern“ zeigt uns Regine Krupp-Mez zwei ihrer Landschaftsmalereien auf groben Rupfen. Da stimmt letztlich alles, passend zum Thema Weiß – der Schnee, die winterlich, schwäbische Obstgarten-landschaft, alles ist zugedeckt mit herrlichem Schnee, ein paar Maulwurfshügel sind die einzigen Zeugen einer Tätigkeit im Untergrund. Die negative Vision dazu, wird nicht lange aus bleiben, denn wie lange noch werden wir diese jahrhundertealte Tradition bewahren können, heute wo niemand mehr Lust hat zu mähen, alle Grundstücke zugebaut und zugepflastert werden, keiner mehr zu wissen braucht, wie man einen Apfelbaum zu schneiden hat und wer weiß, vielleicht nimmt sich die Künstlerin gar selbst auf die Schippe mit ihrem Titel, mit so einer Malweise in der heutigen Zeit ? – Schnee von gestern halt, aber mir sagts viel. Heinz Danzer geht es weniger um das Lichtphänomen Weiß als um die Auslotung des wesenhaften Potentials der Farbe und um deren Verhältnis zur grundierten Leinwand. Wie bei Gisela Achour ist hier die Leinwand dunkelbraun grundiert, weiße Flecken bilden darüber eine Art Grundmuster und ebenfalls, wie bei „Gigi“ geht Heinz mit dem Stift oder einem Stock in die noch nasse Farbe und setzt Zeichen, drei ovale Formen, dicht nebeneinanderstehend. Weis ist der Anfang und weiß vielleicht auch das Ende und die darüber hinausweisende Auferstehung? Was meint Danzer mit dem Titel „In sich unendlich“? Das Ei, das Oval ist Symbol des Anfangs und ebenfalls Symbol der Auferstehung; das göttliche Weiß jedenfalls ist bei Danzer nicht das reinste Weiß, sondern mehr ein lebendiges Weiß, das durch graue Dunkelheiten gestörte Weiß, das ist es was Danzer interessiert, kontinuierlich verfolgt er dieses Interesse durch all seine Werkphasen hindurch. Das Vollkommene, das Ideale, das gute weiße Bild zeigt uns Inge Rau, dass Symmetrie und zugleich Ornamenthafte an diesem Bildobjekt ist es was uns gefangen nimmt. Alles Positive ist addiert in dieser durch 12 Querstreifen eingeteilte Bildobjekt, alles Negative ist eliminiert. Bei den Ägyptern war Weiß die Farbe der Freude und des Glücks, wenn die Sonne von der Seite direkt auf dieses Bild einstrahlt, der Schattenschlag durch die feine Rhythmisierung des Bildes leben ins Geschehen bringt, dann wissen sie auch warum, das ist dann ein pures Glücksgefühl. Das die Oberfläche des Bildes aus lauter Ohren-Watte-Stäbchen besteht ist zweitrangig, tritt durch die überwältigende Wirkung zurück. Ein großes Hochformat, in Zehn Unterschiedlich gelblich-Weiße und Grau-Weiße Horizontale Spalten eingeteilte Bild auf Mdf, zeigt uns Brigitte Tharin. Hier ist es für mich das Weiß der Einfachheit, das Weiß der Stille und er Meditation. Buchstaben tauchen teilweise kopfstehend auf und verschwinden wieder, wie Relikte einer Sprache, die nicht mehr nötig scheint. Zeichenhaftes erscheint, schiebt sich querstehend durchs Bild und versinkt an anderer Stelle verändert wieder. Der Titel lautet „Stille Störung“ gibt uns einen Wink zum Innehalten und Nachdenken. Wie individuelle Zeitachsen schieben sich die niemals gleich-weißen Farbbahnen von links nach rechts, das Ganze ist wie eine Sedimentierung, Schicht für Schicht aufgebaut, sehr zeitintensiv und eine Art Ordnung des Nacheinanders, als denn ein schneller Ritt mit dem Pinsel über die Oberfläche. Es hängt nicht umsonst hier zentral in der Ausstellung! Gleich daneben zwei in Grau und Weiß gefasste Papierarbeiten von Birgit Hartstein, hier ist Weiß zugleich die hellste und die leichteste Farbe, abstrahierte Baumformen stehen in unterschiedlichen Grauwerten Vor-und -Nebeneinander. Die weißen Bäume im jeweiligen Vordergrund scheinen gewichtslos zu sein, frei von allem und selbstbewusst stehen sie da, zum Greifen nah und doch nur das Weiß des Papiers. Zugleich bilden die Beiden Grafiken einen gewissen Wiederpart in der gesamten Wandkomposition, zwischen Inge Rau, Brigitte Tharin und Izumi Yanagiya. Izumi Yanagiya hat uns gleich zwei Arbeiten, nicht auf Papier, sondern aus Papier mitgebracht. Beide sind völlig Farblos, ihre Nichtfarbigkeit besteht rein aus dem Naturweis des Papierobjekts. „Wolken“ links und „Wellen“ rechts. Beides Naturphänomene, Wolken Sie entstehen, driften und vergehen in den Strömungen der irdischen Atmosphäre, Wellen - entstehen durch Wind und wir alle kennen das beruhigende, niemals endende plätschern des Wassers am Strand, wenn die Welle sich durch Grundberührung bricht. Die Bildobjekte sind wie meditative Atemübungen: Saugen sie Luft durch die Nase langsam ein. Stellen sie fest wie sich das Zwerchfell senkt, die Bauchdecke sich weitet. Stauen sie die eingesogene Luft und halten sie kurz den Atem an. Lassen sie nun ebenso langsam die Luft mit dem Lippenlaut fffffffffff wieder ausströmen und nun frage ich sie: Stehen sie am Meer oder schauen sie in den Himmel? In Xenia Muscats lichtem Eitempera-Bild taucht es auf, das Prisma, oder zumindest die Farben die ein solches hervorbringen mag, leicht, leise und zauberhaft gestaltet die Malerin diese abstrahierte Lichtwelt. Von funktionalen Dingen völlig befreit scheint diese Phantasiewelt völlig intakt, alles besteht aus Farben der Zartheit, das Weiß scheint weiblich zu sein, Rosa Gebilde formen sich hie und da zusammen, kleine Farbsprengsel verteilt die Künstlerin geschickt über die Bildfläche und alles scheint unendlich weit, so auch der Titel: „In weißer Weite“. Hier sehen wir wirklich eine Vision, einen Übergang von einer Welt in eine andere. Doch ist es keineswegs ein Todesbild, sondern es feiert das lebendige Licht, alle Erdanziehungskraft bleibt zurück, alles von Menschenhand Entworfene ist nicht von Dauer, sondern löst sich auf im Lichtstrom der Ewigkeit. Pappe, Farbe und Kleister sind die Materialien der Künstlerin Esther Rollbühler, deren Arbeiten ich gerne einmal auf der Kleinplastik-Trienale in Fellbach sehen möchte. Immer wieder schafft sie es, uns mit ihren zauberhaften, abstrakten Skulpturen zum Staunen bringen. Die vier Pappkameraden kommen wie kleine Roboter daher, mit ihren weißen Tupfen tun sie so unschuldig, liegend, sitzend und selbstbewusst stehend, präsentieren sich und erinnern an organisches und technisches Zugleich. „Tulpa“, so der Titel der Vierergruppe, der Begriff umschreibt ein oder in unserem Fall mehrere Wesen, welche in der Vorstellung beginnen, aber durch die Künstlerin eine greif-und-sichtbare Realität und Empfindung erlangen. „Die Verwandlung“ nennt Helga Mayer ihr Spray-Paint-Bild, ein fliegendes weißes Kleid bewegt sich wie von Geisterhand geführt vor dunkelgrünem Grund, davor ebenfalls schwebend eine hellorangene organische Form, vielleicht ein Tier? Mindestens 6 Beine und ein Schwanz sind zu erkennen, alles auf dem Bild ist leicht gespenstisch, nicht aber beängstigend. Sehr wichtig für Gespenster aller Art ist das Weiße Tuch, das sie tragen wenn sie über die Flure unserer Schlösser spuken. Zwei Figuren aus gebrannter Erde von Margot Spuhler stehen ebenfalls auf dem Podest und beide tragen den Titel: „Und wieder wird ein Sandsturm kommen“ und sie zeigen uns zwei Frauenfiguren, eine sitzend und die andere stehend, ganz in helle Gewänder gehüllt. So eine ganz Körper Umhüllung ist vermutlich schlicht notwendig, um sich an die extremen Lebens- und Wetterbedingungen der Wüste anzupassen und dort zu überleben. Beide Figuren betonen das Schlichte Weiß der Bescheidenheit und wäre nicht das dunkle Gesicht, würde die Figur gänzlich im weiß-grau-ocker der Wüste untergehen. Auch wenn Beduinen in der Regel Nomaden und somit nicht sesshaft sind, macht zumindest eine der Frauen den Eindruck, sie bleibt an Ort und Stelle sitzen, komme was wolle! Heller und weißer und trotzdem farbig ist wohl kaum noch möglich, Uta Albeck zeigt uns drei quadratische Tafeln mit Malerei aus Acryl und Licht, wie so oft bleibt sie bei schlichten geometrischen Formen, die vor Helligkeit kaum sichtbar sind und ins Nichts zu verschwinden scheinen. Wie viele Schichten Weißlasur mögen wohl über der spitzzulaufenden Dreiecksform liegen, wie viele Trocknungsprozesse braucht es um die sich räumlich begegnenden Linien so zur Auflösung zu bringen? Nicht die Farbe scheint das Material von Uta Albeck zu sein , sondern das LICHT! Susanne Gayler überrascht uns mit einer Papierarbeit, einer Art aufgeklappter Schachtel, die hellrosa gefasst wurde und die drei große Kreissymbole enthält, eingestochen, eingeritzt und eingedrückt in die empfindliche Oberfläche bleibt die Dunkelheit der Erstfärbung sichtbar, bringt rätselhafte Formen und Schriftfragmente zu Tage. Ihres einstigen Zweckes entfremdet sehen wir je zwei mal vier Lochformen. Die mit „Gebet“ betitelte Arbeit erinnert mich an die Gebete des Rosenkranzes, diese flüsternde fast stumme und doch vorhandene Tätigkeit meiner Großmutter war und ist für viele die am weitesten verbreitete katholische Andachtsform. Die große Lithografie von Gisela List zeigt uns drei abstrahierte Menschliche Figuren, die separat getrennt voneinander sich in einer Art Treppenhaus befinden, oder aber sie sind jeweils von einem schwarzem Paravent umgeben und isoliert. Die Figuren allerdings machen einen sehr lebendigen und kraftvollen Eindruck und scheinen nicht unter der Isolation zu leiden. Eine Zeichnerische Arbeit auf Leinwand zeigt uns Kirsten von Zech- Burkersroda, drei Engelwesen sitzen auf einen runden möglicherweise fliegenden Teppich und ihre Münder sind wie zum Gesang geöffnet. „Es singen drei Engel einen süßen Gesang“. Verwunderlich nur, dass sie auch drei Dolche mit roten Griffen vor sich liegen haben, ein paar weiße Bälle sind ebenfalls Begleiter des göttlichen Gesangstrios. Zu Berühmtheit sind die Englein durch Gustav Mahlers Fassung dieses Volksliedes „Es sungen drei Engel“ gelangt. Zwei Papierarbeiten von Margarete List schließen den Bildreigen an den Wänden ab. Übereinander hängen zeigen sie uns zwei einfache Grundformen, je aus mehreren Lagen handgeschöpften Papiers. Eine Kreisrunde form und eine Quadratische, jeweils mit Öffnung in der Mitte. Die sogenannte Paper-Art ist die eigentliche Passion der Künstlerin. Die Schlichtheit der Formen, die Reinheit und die Schichtung und auch die Farblosigkeit des Materials Papier sind hier das Thema. Die Künstlerin betitelt die zusammengehörige Arbeit mit: “Sie und Er“. Ob Ulla Frenger mit ihren beiden sandfarbenen Skulpturen aus Paperclay und Porzellanengobe, Bezug auf ein uns alle in Schach haltendes Virus nimmt, weiß ich nicht, die stachelige Form allerdings lässt dies ebenso wie der Titel stark vermuten. „Andersartig“ lautet dieser und die Runde Form des uns fremden Körpers mit seinen röhrenartigen Ausläufern kommen uns nur allzu bekannt vor. Ach wäre nur dieses blöde Virus so schön und faszinierend wie die Skulpturen von Ulla Frenger, wir würden gerne uns alle auf der Stelle mit ihnen in Quarantäne begeben. Den „Tanz von Form und Auflösung“ zeigt uns Renate Vetter in Form von zwei Fruchtschalenartigen Skulpturen aus Papier und Gaze. Sie hängen beide unmittelbar vor mir. Wie ein überdimensioniertes Samenkorn hängt die Madel- artige Form weiß und unschuldig von der Decke herab. Auch hier das Weiß des Anfangs, denn „Es trägt das gesamte Potential des neuen Lebens in sich und gleichzeitig ist es das Endprodukt eines Reifungs- und Sterbeprozesses“ sagt die Künstlerin und weist nicht nur auf den Anfang, sondern vor allem mit der zweiten Skulptur, die sich deutlich in Auflösung befindet, auf die Vergänglichkeit und den Tod hin. Ein wunderschöner Tanz des Lebens. „Und zum Abschied – ein Taschentuch“, jetzt haben wir es gleich geschafft. Den mit der 84zig teiligen Lungen-Installation von Beatriz Schaaf-Giesser schließe ich die Einführung zur Ausstellung ab. Das Thema Lunge beschäftigt die Künstlerin aus Winnenden nicht erst seit der Pandemie, sondern schon seit vielen Jahren ist es immer wieder ihr Thema und kommt in ganz unterschiedlichen Materialien daher, hier und heute sind es Taschentücher. Nicht immer ganz weiß, sondern mitunter auch kräftig Bunte hat die Künstlerin die für uns so alltäglichen Gebrauchstücher zu kleinen lungenartigen Gebilden geformt, sie aufgespießt und freigestellt. Immer zwei davon bilden sozusagen ein Lungenpaar, so wie wir sie in unserer Brust tragen. Durch die aktuelle Notlage bei vielen Menschen, die durch an Covid19 verursachte Lungenentzündung, bis hin zu akutem Lungenversagen leiden, bekommt so eine Arbeit einen besonderen Bezug zur Realität und die Witzigkeit der Objekte und des Titels „Zum Abschied ein Taschentuch“ lässt es einem beinahe eiskalt über den Rücken laufen. Zum Schluss also sage Danke fürs aufmerksame Zuhören und wünsche noch einen angenehmen Sonntag, ein Gutes neues Jahr und ein weiterhin gesundes Leben. Helm Zirkelbach Im JANUAR 2022

 

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weitere Ausstellungen 2022:

 

Izumi Yanagiya "Ab to up"  27.2.2022 bis 24. 04. 2022

Kirsten von Zech Burkersroda

Wolfgang Stöhr  "zwischen_zeit" 5.6.22 bis 3.7.22

Alfons Heilig u.a.

Margot Spuhler und Uta Albeck

Tanja Niederfeld

Esther Rollbühler