derzeitige Ausstellung:

BRANDZEICHEN 1726

Arbeiten zum Stadtbrand vor 300 Jahren

05. 07. 2026 bis09. 08. 2026

 

 

BRANDZEICHEN 1726
Arbeiten zum Stadtbrand vor 300 Jahren
Produzentengalerie Pupille
5. Juli bis 9. August 2026
Einführungsrede von Florian Stegmaier


Liebes Kunstpublikum, liebe Kunstschaffende,
Am Abend des 23. September 1726 wurde Reutlingen innerhalb weniger Stunden in seinen Grundfesten erschüttert. Weite Teile der Stadt fielen den Flammen zum Opfer. Rund vier Fünftel der Gebäude wurden zerstört. Was zurückblieb, waren nicht nur rauchende Trümmer, sondern auch Menschen, die ihr Zuhause, ihr Hab und Gut und ihre ganze gewohnte Lebenswelt verloren hatten.
Dreihundert Jahre sind seitdem vergangen. Zeitzeugen gibt es längst nicht mehr. Dafür Chroniken und Stadtpläne, amtliche Dokumente und persönliche Überlieferungen. Und es gibt die Kunst. Kunst rekonstruiert Vergangenheit nicht wie die Geschichtswissenschaft. Sie fragt vielmehr, wie Vergangenes in der Gegenwart wiederum erfahrbar werden kann.
Zumal die Kunst des Erinnerns selbst mit einer Katastrophe beginnt. Der antiken Überlieferung zufolge überlebte der Dichter Simonides den Einsturz eines Festsaals. Die Toten konnten nur deshalb identifiziert werden, weil Simonides sich erinnerte, an welchem Platz jeder einzelne von ihnen gesessen hatte. Aus dieser Erzählung entwickelte sich die ars memoriae, die Kunst des Erinnerns. Diese Urszene zeigt uns: Erinnern ist dem Verlust geschuldet und erinnern ist nicht nur ein zeitlicher, sondern auch ein räumlicher Vorgang. Orte bewahren Erinnerung – und Erinnerung verleiht Orten Bedeutung.
Und gerade darin liegt auch das große Verdienst dieser Ausstellung. Sie versammelt nämlich ganz unterschiedliche künstlerische Antworten auf eine gemeinsame Frage, die ich auch meiner Einführung als Leitfrage zugrunde legen möchte: Wie lässt sich eine Katastrophe erinnern und erfahrbar machen, die drei Jahrhunderte zurück liegt?
Jede der hier versammelten Arbeiten entwickelt dafür ihre eigene Form. Gemeinsam aber bilden die Exponate so etwas wie eine Typologie des Erinnerns. Sie zeigen, dass Erinnerung in der Kunst viele Gestalten annehmen kann: Sie kann sich in Asche einschreiben und im Gedanken des Neubeginns Ausdruck finden; sie kann sich in die Oberfläche eines Bildes eingraben wie eine Wunde; sie kann in Sprachfragmenten fortleben, sich in Leerstellen des Stadtraums manifestieren und in dramatischen Bildkompositionen ebenso gegenwärtig werden wie in Formen des elegischen Gedenkens – Erinnerung als schöpferischer Prozess.
Eine erste Antwort auf die Frage, wie sich solch eine Katastrophe erinnern lässt, gibt Renate Vetter. Schon beim Betreten der Ausstellung führt sie uns in einen Raum der Verwandlung. Feuerspuren, ausgestreute Asche und die archaische Form des Bootes verdichten sich zu einer Installation, die das Feuer nicht allein als zerstörerische Macht begreift. Vielmehr entfaltet sie jene Ambivalenz, die das Feuer seit jeher kennzeichnet: Es vernichtet – und verwandelt. Es raubt Leben – und bereitet zugleich den Boden für neues Wachstum. So steht Asche für Verlust und Vergänglichkeit. Zugleich verweist sie darauf, dass aus dem Verbrannten Neues hervorgehen kann. In diesen Zusammenhang gehört auch die Bootsform, die Vetters Installation durchzieht. Das Boot gehört zu den ältesten Sinnbildern des Übergangs. Es steht für das Übersetzen von einem Ufer zum anderen und damit für die Erfahrung, dass menschliches Leben immer wieder Schwellen überschreiten muss. Erinnerung als Prozess der Verwandlung: Das Vergangene bleibt gegenwärtig – aber nicht, um im Zustand des Verlustes zu verharren, sondern um die Möglichkeit eines Neubeginns sichtbar werden zu lassen.
Doch Feuer zeitigt nicht nur Asche. Ein katastrophaler Brand hinterlässt Narben und Traumata, die sich ins kollektive Gedächtnis, ebenso ins Gefüge einer Stadt einbrennen. Daran erinnert uns Karl Striebel. Seine 16-teilige Serie führt uns an den Punkt, an dem eine Stadt ihre tiefste Wunde erfährt: wenn in wenigen Stunden Existenzen, Hoffnungen und vertraute Lebenswelten in Flammen aufgehen. Aufgerissene Strukturen erinnern an Hitze, Zerstörung, ebenso an das verzweifelte Verstummen nach der Katastrophe. Doch diese von elementaren Kräften durchzogenen Bilder erzählen ebenso von der erstaunlichen Kraft des Neubeginns. Striebel verweist dabei auf ein erstaunliches Phänomen aus der Natur: Es gibt nämlich Samen, die erst durch das Feuer ihre Keimfähigkeit erhalten. So wird das Feuer nicht allein zum Symbol der Vernichtung, sondern auch zum Ausgangspunkt neuen Wachstums. Und so verwandeln diese „Brandzeichen“ das historische Trauma in einen emotionalen Erfahrungsraum – einen Raum, in dem Schmerz und Hoffnung, Zerstörung und Erneuerung untrennbar miteinander verbunden sind.
Wieder einen anderen Zugang zur Brandkatastrophe wählt Ingrid Swoboda. Ausgangspunkt ihres Beitrags zur Gemeinschaftsarbeit „Stadtbrand – vier Perspektiven in einer Arbeit“, der der vergrößerte Stadtplan Reutlingens aus dem Brandjahr 1726 zugrunde liegt, ist ein Gedicht – Die gestundete Zeit von Ingeborg Bachmann. Geschrieben im Schatten der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, skizziert Bachmanns Gedicht eine Welt, in der Gewissheiten verloren gegangen sind und der Blick in die Zukunft von Unsicherheit geprägt ist. „Es kommen härtere Tage“ schreibt Bachmann – dieser Satz könnte ebenso über dem Herbst des Jahres 1726 stehen. Wie lebt man weiter, wenn das Vertraute verloren ist? Was trägt, wenn Sicherheiten zerbrechen? Und wie lässt sich Hoffnung finden, wenn zunächst nur Rauch und Nebel den Horizont verhüllen?
Kathrin Fastnacht richtet in ihrem Beitrag zur Gemeinschaftsarbeit den Blick auf das, was nach der Katastrophe nicht mehr da war. Die abgebrannten Häuser erscheinen bei ihr als von Asche umrandete Leerräume. Die um sich greifende Lücke wird zum eigentlichen Bildmotiv. Mit jedem vernichteten Gebäude verschwanden Erinnerungen, vertraute Orte und soziale Beziehungen. Manche dieser Lücken prägen das Stadtbild bis heute. Und wir sehen: Gedächtnis braucht Räume. Und umgekehrt können Räume selbst zu Trägern von Erinnerung
werden. Fastnachts Arbeit macht diesen Gedanken ästhetisch produktiv. Der Stadtplan wird zum Gedächtnisraum, zur Gedächtniskarte. Er zeigt nicht nur Wege und Gebäude, sondern bewahrt der Erinnerung die räumliche Ordnung und erhebt die leeren Stellen zu sprechenden Erinnerungsorten.
Demgegenüber richtet Xenia Muscat den Blick auf das Geschehen selbst – auf den Moment der Katastrophe. Ausgangspunkt ist wiederum der historische Stadtplan. Doch bei Muscat wird er zur Bühne eines dramatischen Geschehens. Zwischen den Grenzen der Grundstücke und den Linien des Straßennetzes tauchen Gesichter auf. Menschen fliehen. Flammen greifen um sich. Der Stadtplan wird zum Bildraum, in dem hektische Bewegung, Angst und Orientierungslosigkeit sichtbar werden. Unterschiedliche Gesichtsausdrücke rücken uns das anonyme historische Ereignis auf menschlich individuelle Weise näher.
Und auch die vierte Perspektive dieser Gemeinschaftsarbeit richtet den Blick auf die Menschen, die der Stadtbrand von einem Tag auf den anderen obdachlos machte. Birgit Hartstein rückt damit jene ins Bewusstsein, die in historischen Berichten oft nur als Zahl erscheinen. In ihrer Arbeit werden sie als Schicksalsgemeinschaft sichtbar. Auffällig ist die Form ihres Bildsegments, das einem Boot ähnelt. Dicht gedrängt stehen darin stilisierte menschliche Figuren. Manche scheinen einander die Hände zu reichen. Sinnbild dafür, dass Katastrophen stets Solidarität verlangen und gemeinschaftlich bewältigt werden müssen. Bilder von Menschen, die durch Feuer, Krieg oder andere Katastrophen ihre Heimat verlieren, gehören auch zu unserer Gegenwart. Hartsteins Arbeit erinnert daran, dass Flucht, Obdachlosigkeit und die Hoffnung auf Schutz zu den wiederkehrenden Erfahrungen menschlicher Geschichte gehören.
Dass die einzelnen Teile dieser Gemeinschaftsarbeit nicht zu einem lückenlosen Ganzen zusammengefügt sind, sondern als auseinandergesprengte Fragmente präsentiert werden, ist nicht nur der traumatischen Gewalt des Feuers geschuldet, es ist zugleich ein Bild für die konstruierende Arbeit des Erinnerns selbst: denn Erinnern setzt Vergangenes immer wieder neu zusammen, ohne die Brüche ganz schließen zu können.
Eine ganz andere Form des Erinnerns begegnet uns in den Arbeiten von Günther Sommer. Seine Assemblagen kreisen um die Dinge des Alltags und um das Spiel zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Eine Bürste oder andere scheinbar beiläufige Gegenstände werden zu Bildanlässen, deren Wiedererkennbarkeit immer wieder neu ausgelotet wird. Im Zusammenhang dieser Ausstellung erscheinen diese kleinen Dinge wie Fundstücke, die nach der Katastrophe aus der Asche geborgen werden. Sommer spricht selbst von „Ausgrabungsfeldern der kleinen Dinge“. Was einst alltäglich und selbstverständlich war, gewinnt im Erinnern eine neue, beinahe magische Bedeutung. Geschichte begegnet uns hier nicht im Monumentalen, sondern im Fragilen und Beiläufigen. Gerade die unscheinbaren Dinge werden zu Trägern des Gedächtnisses.
Spuren des Brandes geht Helm Zirkelbach nach. Ihn interessiert die Spur des Feuers. Die sieben Holztafeln seiner Arbeit „roter Keil“ sind von zahllosen Kerbschnitten durchzogen. Mal verdichten sie sich, mal verlaufen sie auseinander, kreuzen sich, ändern ihre Richtung.
Licht und Schatten lassen die Oberfläche flirren. Man meint Strömungen zu erkennen, Verwirbelungen, das Vorwärtsdrängen einer Kraft, die sich nicht aufhalten lässt. Ein zunächst schmaler, dann zunehmend anschwellender roter Streifen durchzieht die Tafeln. Wie die Schneise, die der Brand durch die Stadt schlug, In Zirkelbachs Arbeit wird das Holz selbst zum Träger der Erinnerung. Das vergangene Geschehen erscheint hier als Spur – als etwas, das sich in die Dinge einschreibt und auch nach Jahrhunderten noch sichtbar bleibt.
Auf eine andere Spur des Stadtbrandes macht uns Elke Roth aufmerksam: nämlich auf die Spuren seiner Deutung. Über ihrer Arbeit steht ein Satz, mit dem der damalige Stadtpfarrer Fischer unmittelbar nach der Katastrophe die Stadtbevölkerung abkanzelte: „O Reutlingen, Dein Sünd, Dein Brand.“ In einer moralisierenden, vom Zeitgeist des württembergischen Pietismus geprägten Predigt erklärte er den Stadtbrand zur gerechten Strafe Gottes für die vermeintlichen Verfehlungen der ach so sündhaften Einwohner. Solche Deutungen waren im religiösen Denken der Zeit keineswegs ungewöhnlich. Es waren Versuche, dem Unbegreiflichen einen Sinn zu geben – allerdings um den Preis, den Opfern zugleich die Schuld zuzuschreiben. Genau hier setzt Roth an. Im Zentrum ihrer Arbeit steht ein Drache. In der christlich-abendländischen Tradition erscheint er häufig als Verkörperung des Bösen, als Sinnbild zerstörerischer Mächte und göttlichen Gerichts. Ganz anders in den ostasiatischen Kulturen: Dort steht der Drache für Weisheit, Glück, Lebenskraft und Wandlung. Indem Roth diese beiden Bildtraditionen miteinander konfrontiert, öffnet sie den Blick für die Wandelbarkeit kultureller Deutungen. Sie macht deutlich, dass Erinnerung stets auch bedeutet, überlieferte Sinngebungen immer wieder neu zu befragen. So wird ihre Arbeit zu einem Plädoyer gegen vorschnelle Schuldzuweisungen. Kunst schafft hier einen Raum, in dem historische Deutungsmuster kritisch befragt und neu gelesen werden können.
Flankiert wird Roths Drachenarbeit von zwei Tonskulpturen von Margot Spuhler mit den Titeln „Angst“ und „Verzweiflung“. Sie verkörpern keine heroischen Gesten, sondern grundlegend menschliche Reaktionen. Während Roth die religiöse Deutung des Stadtbrands hinterfragt, lenkt Spuhler den Blick auf die Betroffenen selbst. Eine alte Frau, die in wenigen Minuten ihr gesamtes Hab und Gut verliert. Ein Vater, der Frau und Kind vor dem Anblick der Flammen schützen möchte. Ist Elke Roth an einem kritischen Erinnern gelegen, führt uns Margot Spuhler das empathische Erinnern vor Augen. Ihre Tonskulpturen geben der Brandkatastrophe Gesichter und Körper zurück. Sie machen sichtbar, dass zum kollektiven Gedächtnis auch das Mitgefühl mit den namenlosen Opfern gehört.
Demgegenüber wählt Gudrun Heller-Hoffmann einen ausgesprochen zurückgenommenen Zugang. Ihre beiden fotografischen Arbeiten verzichten auf jede gegenständliche Darstellung. Stattdessen begegnet uns ein dynamisches Gefüge aus Diagonalen, spitzwinkligen Dreiecksformen und eine ausgewogene Farbkomposition, in der Blau- und Gelbtöne von roten Flächen grundiert werden. Der Brand bleibt hier im Hintergrund – und wirkt doch fort. Als latente Präsenz, die den gesamten Bildraum bestimmt. Auch dies ist eine Form des Erinnerns. Wirken doch manche Erfahrungen unterschwellig weiter. Sie strukturieren unseren Blick, ohne selbst vollständig sichtbar zu werden. Heller-Hoffmann findet dafür eine abstrakte Bildsprache, eine Bildstimmung, die ein solches Nachklingen erfahrbar macht. Das
Vergangene erscheint hier als Atmosphäre – als etwas, das den Raum durchzieht, ohne sich vollständig greifen zu lassen.
Einen anderen Zugang wählt Renate Zeeden. Bereits die Titel ihrer Radierungen – Funkenschlag und Lichterloh – markieren die Feuersbrunst als eskalierendes Geschehen. In ihrer Arbeit Verdacht? greift sie eine Überlieferung auf, nach der die Magd des Schusters Dürr den Stadtbrand durch eine umgestürzte Kerze ausgelöst haben soll, mit der sie ihrem Geliebten heimleuchten wollte. Ob diese Erzählung zutrifft, bleibt offen. Schon der Titel Verdacht? setzt ein Fragezeichen dahinter. Wobei dieses Fragezeichen sogar wichtiger ist als die Geschichte selbst. Denn nach großen Unglücken suchen Gemeinschaften häufig nach einem Verantwortlichen, an dem sich die Schuld festmachen lässt. Der französische Kulturphilosoph René Girard hat diesen Mechanismus als das Prinzip des Sündenbocks beschrieben: Indem eine Gemeinschaft ihre Ängste und ihre Wut auf einen Einzelnen überträgt und ihn – wie den biblischen Sündenbock – in die Wüste schickt, gewinnt das Kollektiv seine innere Ordnung, seinen Frieden zurück. Und tatschlich wurde ja auch der Schuster Dürr aus Reutlingen verbannt. Zeedens Fragezeichen hält den Verdacht offen. Es verdeutlicht, dass Erinnern auch bedeutet, überlieferte Schuldzuschreibungen zu prüfen und allzu einfache Erklärungen zu hinterfragen.
Der Herausforderung, einer 300 Jahre zurückliegenden Katastrophe zu gedenken, begegnet Hans Gunsch mit einem Rückgriff auf Liturgie und Musik. Sein Bild trägt den Titel Requiem für eine Stadt. Ein Requiem erinnert. Es stimmt eine Klage an. Ebenso ist das Requiem ein Moment des Innehaltens. Bewusst verzichtet Gunsch auf Farbtöne, die mit Feuer assoziiert werden könnten. Stattdessen herrscht eine kühlere Farbgebung, eine Farbgebung, die einen Raum des elegischen Gedenkens eröffnet. Die Elegie lebt aus dem Wissen um den Verlust und aus dem Bewusstsein, dass sich das Verlorene nicht zurückholen lässt. Aber sie bewahrt das Verlorene, sie hebt es auf, indem sie ihm künstlerische Form, Ausdruck und Kraft verleiht. Gunsch denkt dabei an jenen bewegenden Moment, als Mstislaw Rostropowitsch wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer am Checkpoint Charlie Bach spielte. Die Musik konnte die Geschichte nicht ungeschehen machen. Aber sie verlieh den Opfern einen Augenblick der Würde. Eben darin liegt auch die Kraft dieses Stadt-Requiems, mit dem sich unsere Gegenwart vor den Opfern von 1726 in respektvoller Weise verneigt.
Abschließend möchte ich mit Ihnen noch die Gemeinschaftsarbeit Das letzte Hemd betrachten. Sie zeigt sich uns wie ein Erinnerungs-Tableau im eigentlichen Sinne: ein Bildfeld, in dem sich unterschiedliche Stimmen, Materialien und künstlerische Handschriften zu einem gemeinsamen Gedächtnisraum verdichten. Der Titel Das letzte Hemd erinnert daran, dass das Unglück mit dem Erlöschen der Flammen keineswegs beendet war. Der Wiederaufbau wurde zu einer zweiten Prüfung. Reutlingen war auf Spenden angewiesen. Doch ein erheblicher Teil dieser Gelder floss in die Begleichung alter Schulden. Für viele Menschen, die ihr Hab und Gut verloren hatten, blieb kaum mehr als das sprichwörtliche letzte Hemd. Auch diese Geschichte gehört zur Erinnerung an den Stadtbrand.
Roswitha Zeeb erinnert mit ihren Linolschnitten auf Seiten einer alten Bibel an die Zerstörung der Marienkirche. Die Heilige Schrift wird selbst zum Träger der Erinnerung; ihre
Seiten tragen die Spuren des Feuers und verbinden religiöse Überlieferung mit der Erfahrung der Vernichtung.
Regine Krupp-Mez richtet den Blick auf die einfachen Menschen. Ihre Frauengestalten erzählen von Traumatisierung, Armut und der Sorge um das tägliche Brot. Zugleich greift sie die Bußpredigt des Pfarrers Fischer auf und macht die soziale Kluft sichtbar, die sich im Umgang mit der Katastrophe offenbarte. Während manche moralisierten, kämpften andere schlicht ums Überleben.
Renate Quast verdichtet den Verlauf des Brandes in abstrakten Radierungen zu kreisenden Brandherden. Nicht das Ereignis selbst wird dargestellt, sondern seine Ausbreitung – gleichsam als grafischer Rhythmus der Zerstörung.
Izumi Yanagiya führt verschiedene Stadien der Katastrophe vor Augen: die auflodernde Feuersbrunst ebenso wie die verstörende Stille der in Trümmern daliegenden Stadt.
Auch hier geht es weniger um Illustration als um die Verdichtung einer existenziellen Erfahrung. Gleiches gilt für die Arbeiten von Christine Ziegler, die dem Brandereignis mit textilen Formen begegnet.
Die übrigen Beiträge dieses Tableaus stammen von Künstlerinnen und Künstlern, deren Arbeiten wir bereits kennengelernt haben. Gerade dadurch wird sichtbar, wie sich die einzelnen Positionen hier noch einmal begegnen und gegenseitig ergänzen. Was zuvor als individuelle Handschrift hervortrat, fügt sich nun zu einem gemeinsamen Bild des Erinnerns.
Denn Erinnerung ist niemals das Werk eines Einzelnen. Sie entsteht dort, wo viele Stimmen zusammenkommen, wo unterschiedliche Erfahrungen einander widersprechen, ergänzen und bereichern. Das Gemeinschaftstableau macht diese soziale Dimension des Erinnerns sichtbar.
Und eben darin liegt die besondere Leistung dieser Ausstellung. Sie zeigt uns, wie vielfältig ästhetisches Erinnern sich vollziehen kann: als Spur und Wunde, als Leerstelle und Schrift, als Drama und Klage, als vielstimmiger Gedächtnisraum.
Ich danke allen Künstlerinnen und Künstlern dafür, dass sie uns diese unterschiedlichen Wege des Erinnerns eröffnet haben. Und ich wünsche Ihnen allen eine anregende, vielleicht auch bewegende Begegnung mit dieser Ausstellung.

weitere Ausstellung:

Warum ich für die Kunst brenne

Arbeiten zum Thema 300 Jahre Stadtbrand Reutlingen

GEA-Redaktion am Burgplatz

08. 07. 2026 bis 26. 09. 2026

 

Einführungsrede zur Ausstellung
„Warum ich für die Kunst brenne“
GEA Reutlingen, 8. Juli 2026
Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Künstlerinnen und Künstler, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,
es gibt ein berühmtes Gemälde von William Turner. Es zeigt den Brand des Londoner Parlaments im Jahr 1834. Turner stand damals am Ufer der Themse und beobachtete das Inferno. Was er malte, ist weit mehr als die Darstellung einer Katastrophe. Das Feuer erscheint bei ihm zugleich als Schrecken und Schönheit, als Horror und Herrlichkeit. Die Flammen vernichten – und doch erzeugen sie ein Licht, das alles verwandelt. Aus dem Grauen entsteht Kunst.
Vielleicht liegt darin eines der großen Geheimnisse der Kunst. Sie macht nicht das Schöne schön. Sie macht das Schwere sichtbar.
Genau hier beginnt unsere Ausstellung.
Vor dreihundert Jahren verwüstete der große Stadtbrand Reutlingen. Fast die gesamte Stadt wurde zerstört. Häuser verbrannten, Menschen verloren ihre Heimat, vertraute Orte verschwanden. Doch Geschichte besteht nicht nur aus Daten und Fakten. Sie lebt in Erinnerungen weiter, in Erzählungen, in Bildern – und manchmal auch in der Kunst.
Diese Ausstellung möchte den Stadtbrand deshalb nicht illustrieren. Sie möchte ihn auch nicht nacherzählen. Denn keine Malerei, keine Skulptur und keine Grafik kann das Leid eines solchen Tages wiedergeben. Uns interessiert etwas anderes.
Was bleibt, wenn das Feuer längst erloschen ist?
Bleiben nur Ruinen?
Oder bleiben auch Hoffnung, Erinnerung und der Mut, neu zu beginnen?
Vielleicht ist das die eigentliche Frage, die sich durch diese Ausstellung zieht.
Unser Titel für diese Ausstellung lautet „Warum ich für die Kunst brenne“.
Auf den ersten Blick scheint das eine einfache Metapher zu sein. Doch im Laufe der Vorbereitungen wurde mir klar, dass hier etwas anderes geschieht. Die Künstlerinnen und Künstler sprechen gar nicht alle über dasselbe Feuer. Jeder trägt sein eigenes in sich.
Hans Gunsch begegnet dem Menschen mit großer Ruhe. Seine Figuren wirken nach innen gekehrt. Sie erzählen nicht von Katastrophen, sondern von der Stille danach. Seine Malerei lädt uns ein, genauer hinzusehen – auf den anderen und vielleicht auch auf uns selbst.
Jutta Peikert geht noch einen Schritt weiter. Für sie wird das Haus zum Menschen. Im „Flammenhaus“ wachsen die Flammen aus Händen. Hände können zerstören, aber sie können ebenso schützen, aufbauen und trösten. In ihrer Figurengruppe „Pompeji“ wird Asche zum Sinnbild menschlicher Erstarrung. Ihre Arbeiten fragen nicht nach dem Brand. Sie fragen nach uns.
Damit verändert sich der Blick.
Denn Städte erinnern anders als Menschen.
Menschen vergessen.
Städte tragen ihre Geschichte in ihren Mauern.
Gabriele Seeger führt uns zur Marienkirche und zum Engel, der beim Stadtbrand von der Turmspitze stürzte. Doch ihre Bilder erzählen keine historische Episode. Sie erzählen von Hoffnung. Der Engel wird zu einem Zeichen dafür, dass selbst nach größter Zerstörung etwas bleibt, das uns trägt.
Auch Karl Striebel arbeitet mit Erinnerung. Seine überarbeiteten Siebdrucke wirken wie Schichten des Gedächtnisses. Fragmente von Architektur, Spuren von Feuer, transparente Farbflächen überlagern sich. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander. Seine Brandzeichen erinnern daran, dass Geschichte niemals abgeschlossen ist. Sie schreibt sich immer wieder neu in unser Denken ein.
Und dann verändert sich die Frage erneut.
Nicht mehr: Was ist geschehen?
Sondern:
Was entsteht danach?
Renate Vetters Arbeiten gleichen geologischen Schichten. Sie zeigt nicht das Feuer, sondern das, was bleibt, wenn die Flammen längst erloschen sind. In ihrer Arbeit „Gaslighting“ erinnern kreisförmige Formen an Gasflammen, Sonnen oder Brandmale. Gleichzeitig verweist der Titel auf die Fragilität unserer Wahrnehmung. Was ist wirklich? Was nehmen wir wahr? Ihre Kunst beantwortet diese Fragen nicht. Sie öffnet einen Raum, in dem wir sie selbst stellen.
Auch Günther Sommer beschäftigt sich mit dem Danach. Seine Assemblagen erzählen vom Wiederfinden der Balance. Holz, Farbe und Fundstücke fügen sich zu neuen Ordnungen zusammen. Nach jeder Erschütterung muss der Mensch seine innere Senkrechte wiederfinden. Nicht das Feuer steht im Mittelpunkt seiner Arbeiten, sondern die Kraft, die danach entsteht.
Xenia Muscat schließlich öffnet einen anderen Blick. Für sie ist Kunst Freiheit. Ihre Collagen verbinden historische Fragmente mit Zeichnung, Fotografie und Fantasie. Der Stadtbrand wird hier nicht dokumentiert. Er wird verwandelt. Aus Geschichte entstehen neue Bilder. Vielleicht ist das die größte Freiheit der Kunst: Sie bewahrt Vergangenes nicht, sie macht es lebendig.
Je länger ich mit den Künstlerinnen und Künstlern über diese Ausstellung gesprochen habe, desto deutlicher wurde mir: Nicht das Feuer verbindet ihre Arbeiten.
Es sind ihre Antworten auf das Feuer.
Die einen sprechen über Erinnerung.
Andere über Hoffnung.
Über Freiheit.
Über Balance.
Über Verletzlichkeit.
Über den Menschen.
Und genau darin liegt die Stärke dieser Ausstellung.
Sie zeigt keine einheitliche Sicht.
Sie zeigt acht persönliche Haltungen.
Auch meine eigenen Arbeiten gehören zu diesem Dialog. Die Radierung ist meine Sprache. Mit jeder geätzten Linie versuche ich, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren zu verbinden. In der „Gotischen Versammlung“ werden Türme zu einer Gemeinschaft. Sie stehen wie Menschen beieinander – verletzlich und zugleich kraftvoll. In „Zwischen Glut und Gebet“ wird die Marienkirche zum Sinnbild einer Stadt, die Verwüstung erlebt hat und dennoch aufrecht geblieben ist. Mich interessiert nicht das Feuer selbst. Mich interessiert das Licht, das es hinterlässt.
Vor dreihundert Jahren hat das Feuer Reutlingen verändert.
Die Flammen sind längst erloschen.
Die Fragen, die sie hinterlassen haben, brennen bis heute.
Vielleicht finden wir ihre Antworten nicht allein in den Chroniken unserer Stadt, sondern auch hier – in den Bildern, Skulpturen und Grafiken dieser Ausstellung.
Ich wünsche Ihnen deshalb keinen schnellen Rundgang.
Ich wünsche Ihnen Zeit.
Zeit zum Schauen.
Zeit zum Lesen.
Zeit zum Nachdenken.
Denn gute Kunst gibt keine fertigen Antworten.
Sie schenkt uns bessere Fragen.
Mein herzlicher Dank gilt dem Reutlinger General-Anzeiger, der dieser Ausstellung Raum gegeben hat. Besonders danke ich Armin Knauer für seine engagierte Begleitung und seine Begeisterung für dieses Projekt sowie Chefredakteur Alexander Rabe für das Vertrauen, Kunst mitten in der Stadt und mitten im Leben sichtbar zu machen.
Mein Dank gilt ebenso allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern. Sie haben sich nicht auf ein gemeinsames Motiv eingelassen, sondern auf einen gemeinsamen Gedanken. Gerade deshalb ist diese Ausstellung so vielfältig geworden.
Und Ihnen, liebe Gäste, wünsche ich nun anregende Begegnungen mit den Werken – und vielleicht entdecken Sie dabei nicht nur die Brandzeichen der Vergangenheit, sondern auch das innere Feuer, das jede Kunst erst entstehen lässt.
Vielen Dank.
Helm Zirkelbach im Juli 2026

 

Ausstellungen 2026 in der Pupille:

11. 01. - 08. 02. Mitgliederausstellung
15. 02. - 08. 03. Gudrun Heller-Hoffmann & Bernhard Revermann

20. 03. - 19. 04. Gastausstellung Stadt Reutlingen - Künstleraustausch 2022 - 2025: Städtepartnerschaft - Reutlingen - Szolnok
26. 04. - 17. 05. Hans Gunsch mit Gast Junkyu Lim "Horizont"
07. 06. - 28. 06. Gastausstellung: Rolf Naedler und Paolo Moretto vom Kunsthaus Begedorf, Hamburg
05. 07. - 26. 07. Gemeinschaftsausstellung von Pupille-Mitglieder zum Thema 300 Jahre Reutlinger Stadtbrand
02. 08. - 30. 08.  noch offen
06. 09. - 27. 09. Regine Krupp-Mez und Wolfgang Schaller
04. 10. - 25. 10. Kirsten von Zech-Burkersroda
01. 11. - 22. 11. Ulla Frenger und Jutta Peikert und Gäste "
Sinnlich – Kraftvoll – Keramik"
 29. 11. - 20. 12. Izumi Yanagiya

 

Ausstellungen 2025 in der Pupille:

12. 01. bis 09.02.2025     Jahresausstellung der Kunstschaffenden

16. 02. bis 09. 03. 2025   Günther Sommer: Rituale? Rituale!

16. 03. bis 06. 04. 2025   Ulrike Holzapfel, Jochen Warth: "In the beginning"

10. 04. bis 27. 04. 2025   "Zeiten und Räume", Pupillekunsttreibende stellen in der Klosterkirche Pfullingen aus

13. 04. bis 11. 05. 2025     "Perspektivwechsel" Sebastian Lorenz

23. 05. bis 15. 06. 2025    "alles in einem"  Renate Quast

27. 06. bis 27. 07. 2025   " Vom Ganzen zum Detail" Szolnoker Künstlerin Csenge Barbara Oláh zusammen mit der Stadt                                                                            Reutlingen

04. 08. bis 31. 08. 2025   "durch/einander & mit/macht"  - Ulrich Koch
28. 09. bis 24.10. 2025    "metaphysische Landschaft" -  Elke Roth

31. 10.  bis 02. 11. 2025     "Kunstbetrieb" Kunstmesse im Alten Lager Münsingen - BT 24
02. 11.  bis 23. 11. 2025     "Farbe - Druck - Papier"   Roswitha Zeeb und Renate Zeeden
30. 11. bis  21. 12. 2025     "Gratwanderung"  Ingrid Swoboda & Barbara Wünsche-Kehle

 

 

Ausstellungen 2027 :

19. 03. 2027 - 18. 04. 2027 Kloster Benediktbeuern

 

Ausstellungen 2024 in der Pupille:

14. 01. 2024 bis 11. 02. 2024    Mitgliederausstellung - "vielschichtig"

25. 02. 2024 bis 17. 03. 2024    Christine Dohms - "Lightscapes"

07. April bis 28. April   2024   Jochen Meyder "Im Dialog mit Landschaft"

05. Mai bis 26. Mai   2024         Xenia Muscat "Von Anfang bis Ende"

02. 06. 2024 bis 30. 06.2024    Beatriz Schaaf-Giesser "work in progress"

07. 07. 2024 bis 28. 07. 2024   Gisela List "Drucksache"

04. 08. 2024 bis 01. 09. 2024    Gastausstellung Budapester Künstler "Sensaria"

15. 09. 2024 bis 06. 10. 2024     Gabriele Seeger "Randgebiete"

25. 10. 2024  bis 10. 11. 2024     Karl Striebel "etwas bleibt"

17. 11. 2024  bis 22. 12. 2024     Brigitte Tharin "Asche - Blütenstaub des Todes"

 

KunstBetrieb 2024 im Albgut Münsingen - Kulturwerkstatt BT 24  01.11. - 03.11.2024