Reutlinger Generalanzeiger vom 24. 11. 2017

Reutlinger Generalanzeiger vom 11. 10. 2016

 

Reflexionen zu Mensch und Natur in der Pupille Reutlingen

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Ist der künstlerische Blick auf die Welt ein anderer, wenn man am anderen Ende der Republik lebt? Die Frage stellt sich, wenn man derzeit die Reutlinger Pupille besucht – und eben nicht auf Werke hiesiger Künstler stößt, sondern auf solche der Produzentengalerie SO-66 in Münster, die hier noch bis 16. Oktober ausstellt. Derlei Gastspiele befreundeter Einrichtungen sind mittlerweile zur festen Einrichtung geworden – und erfreuen mit manch neuer Perspektive.

Florale Makrofotografie von Gisela Schäper in der Pupille.
Florale Makrofotografie von Gisela Schäper in der Pupille. FOTO: Armin Knauer
Das Thema Hafen etwa müsste man in Reutlingen lange suchen. Es hat keinen, Münster jedoch sehr wohl, auch wenn es noch ein ganzes Stück vom Meer entfernt liegt. Aber der Dortmund-Ems-Kanal hat der Westfalen-Metropole einen Hafen eingebracht, der in den 1960ern noch stark florierte und heute noch das Stadtbild prägt. Ulrike Vetter hat er zu zwei »Hafentransparenzen« inspiriert, einer Acrylmalerei und einem Materialdruck. Fein ausbalanciert zwischen geometrischer Abstraktion und landschaftlichen Anklängen schweben hier Farbe und Form und rufen Licht, Luft und Wasser vors innere Auge.

Streifen in Weiß

Ulrike Vetter ist eine von neun Künstlerinnen dieser Produzentengalerie SO-66, die sich nach ihrer Adresse benannt hat: Sie residiert in der Soester Straße 66, in Räumen, die denen der Reutlinger Kollegen offenbar gar nicht unähnlich sind.

Wie bei vielen Pupille-Künstlern zieht sich auch bei den Münsteraner Gästen die Balance zwischen Abstraktion und räumlich-landschaftlichen Anklängen wie ein roter Faden durch. Streng konkret-konstruktivistische Ansätze, die jeden solchen Bezug ausschließen gibt es, sie bleiben aber die Ausnahme. Eigentlich bleibt Martina Wichmann mit ihren abgestuften Streifen von Weiß damit allein.

Wo sich jedoch Bezüge jenseits der reinen Farbe und Form einstellen, ist fast immer die Natur nicht weit, in Münster offenbar so wenig wie am Albrand. Veronika Teigelers Malereien mit Acryl auf Baumwolle sind zwar erstmal reine Farbkompositionen; doch transportieren sie etwas vom Blick in ein Waldesdickicht. Wenn dann doch einmal Reh und Rehkitz ganz naturalistisch auftauchen, ironisiert sie das gleich wieder. Die Natur wird zum Objekt der Vermarktung und schlägt doch wieder zurück, indem sie sich das Reklameschild einverleibt.

Solche Ironie bleibt die Ausnahme. Meist ist der Naturbezug meditativ. Etwa in Gisela Schäpers Makroaufnahmen von Blüten, die vor schwarzem Hintergrund wie wundersame Strukturen einer fremden Welt wirken. Oder in den kleinen »Eisblumen«-Zeichnungen von Waltraud Kleinsteinberg, die abstrakt und floral zugleich sind.

Bei anderen ist der Naturbezug stärker in den Tiefen der Abstraktion verborgen. Bei Anne Fellenberg und Liane Sommer etwa im organischen Wuchern der Formen und im erdigen oder blattgrünen Ton ihrer Palette. Bei Liane Sommer kommen Pflanzenformen wie Zitate hinzu; bei ihr spielen aber auch gezeichnete »Energieströme« eine Rolle; oder das Vorder- und Hintereinander der Strukturen auf Wachspapier, das auf beiden Seiten bemalt ist.

Ästhetik alter Postkarten

Hier und da ist dann aber doch Mensch und Kultur der Bezugspunkt, auffallenderweise immer im Hinblick auf die Vergangenheit. Crista Book spielt mit der Ästhetik alter Postkarten, lässt einen Jägersmann rosa-falschfarben »vergilben«; da mischen sich Humor und Nostalgie. Gabriela Maria Kochs Studien einer sich ausruhenden Frau rufen mit ihrer klassischen Linienführung und dem aus einem Fleckenmosaik heraustretenden Motiv Erinnerungen an verblasste römische Fresken wach.

Bei Waltraud Kleinsteinberg wird die Welt zum surrealen Nostalgie-Jahrmarkt. Ausgeschnittene Schwarz-Weiß-Figuren aus alten Zeitschriften drapiert sie in kleinen Boxen zu liebevollen Mini-Dioramen mit schräger Pointe. Da wird eine riesige Milbe zum Haustier und eine gewaltige Echse zum Babysitter. Ein Kuriositätenkabinett fürs Wohnzimmer-Regal.

Zu sehen sind diese und andere Ideen noch diesen Samstag und Sonntag, 15 bis 18 Uhr, in der Produzentengalerie Pupille, Roseggerstraße 97, Reutlingen. (GEA)

Reutlinger Generalanzeiger vom 12. 04. 2016

 

Gesprühte Zeitphänomene

Wenn Helga Mayer zur Spraydose greift, werden Schablonen mit Farbe gefüllt. Graffitis, bei denen sie eine »Spayerin ohne Mauer« sei. Zeit ist ein Thema, um das viele ihrer Arbeiten kreisen. Deren Beschleunigung, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, spiegelt sich im Ausstellungstitel »ZE /// IT«. Zu sehen sind ihre Werke in der Reutlinger Produzentengalerie Pupille.

Helga Mayer vor einem ihrer Bilder (ohne Titel). FOTO: VEY
Helga Mayer vor einem ihrer Bilder (ohne Titel). FOTO: VEY
Der Zeitmesser Uhr gab die zündende Idee. Das Foto einer Schweizer Luxusmarke sah Mayer in einem Hochglanz-Magazin. So sehr habe sie sich über das teure Teil geärgert, »dass ich das Blatt zerriss«. Aus den Schnipseln wurde eine Collage, der eine Bleistiftskizze folgte. Die großformatige Zeichnung wird in der Schau präsentiert. Sie bildete die Grundlage für die Schablonen. »Spraypainting« heißt der künstlerische Prozess, bei dem die giftigen Farben verlangen, »dass ich immer mit Atemmaske arbeite«. Die Schablonen werden übereinander geschichtet und mit farbigen Folien kombiniert. Für die Künstlerin sind diese Uhrenbilder, was mit den Papierfetzen begann, eine »zerrissene Zeit«.

Erlernt hat Mayer die Technik am Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe. Sieben Jahre nahm sie Unterricht. Im Spraypainting gemacht ist unter anderem ein weiteres Bild, aus dem sich allmählich eine Briefwaage herausschält. »Post abwiegen ist wie die Zeit abwägen«, meinte die Künstlerin. In Karlsruhe hatte sie auch studiert. »Als Apothekerin bin ich mit dem botanischen Zeichnen vertraut«, lautete ihre Erklärung, wie die künstlerische Laufbahn begann. Tulpen und chinesisches Gras stehen für solche Motive.

Vergänglichkeit und Augenblick

Spraypainting, nun ohne Schablonen und Folien, bestimmt die neuesten Arbeiten. Leuchtende Orange-Töne wählte die Künstlerin aus. In einem Werk wird die Bildmitte von einer länglichen Figur bestimmt, die von Netzen umgeben ist. An Kinderspielzeug und Zaun erinnerten Brigitte Bausinger beide Elemente. Die Kulturwissenschaftlerin lag ziemlich richtig, wie Mayer bestätigte, die in den Kriegsjahren geflüchtet sei und ihre Puppe zurücklassen musste. »Die Puppe habe ich nie ersetzen können«, versicherte sie. Erinnerungen, und damit vergangene Zeit, die Mayer mit der Gegenwart verknüpfte: »Verlust, ob Heimat oder Sprache ist, was Flüchtlinge heute erleben.«

Knapp 30 Exponate umfasst die Ausstellung. Dazu gehören auch Malereien, Fotocollagen und Radierungen. Dargestellt sind hier ebenfalls Zeitphänomene, ob die Vergänglichkeit oder der Augenblick. Die Ausstellung in der Produzentengalerie Pupille, Peter-Rosegger-Straße 97 in Reutlingen, ist noch bis zum 8. Mai zu sehen. Geöffnet ist Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr. (vey)

Reutlinger Generalanzeiger vom 23.2.2016

 

GALERIEN AKTUELL - Werke von Gisela Achour in der Produzentengalerie Pupille, Reutlingen

Alles bleibt anders

 

Malerei und Materialien verschmelzen bei Gisela Achour. Blaue und rote Töne bestimmen den Hauptteil ihrer Werke, in die unter anderem Gips und Sand eingearbeitet sind. Wölbungen und Risse entstehen, die zum Berühren einladen. Knapp 30 Bilder zeigt die Produzentengalerie Pupille. »Alles bleibt anders« lautet der Titel der Schau, für die Dr. Brigitte Bausinger die Einführung übernahm.

»Ausstellungstitel sind eine besondere Text-Gattung. Manchmal stehen sie für eine Ansammlung von Unsinnigem, manchmal stellen sie eine Herausforderung dar«, sagte Bausinger. In einem proppenvollen Galerieraum stellte die Kunst- und Literaturexpertin ihre Überlegungen zu Achours Bildern vor. »Zu denken« gebe das Motto, das die Reutlinger Textildesignerin ausgesucht habe. Denn es stehe für zwei gegenläufige Ansätze, den Wandel und das Dauerhafte. Solche Prozesse laufen in der Natur ab, die die 1944 geborene Künstlerin im Werk »Am schwarzen Meer« thematisiert. Ein imaginäres Meer ist dargestellt, über dem in gelb-beigen Tönen eine ebenfalls fiktive Landschaft erscheint. »Farben und Formen gehen ein eigenes Veränderungsspiel ein«, erklärte Bausinger.

Unterschiedliche Eindrücke wie etwa Wellen, die für Umformungen sorgen, und zugleich Wassermassen, die für das Beständige stehen, lassen sich ausmachen. »Achour hat die Farbe Schwarz nicht einfach aus der Tube gedrückt, sondern setzte auf Nuancen. Lasuren entstanden, durch die das Bild an Kontrasten und Glanz gewinnt.«

Acrylfarben nutzt die Künstlerin. »In der Schau dominiert Blau«, sagte Bausinger. In diesem Ton gehalten ist das Titel gebende Werk, bei dem sich aus Granitblöcken eine weibliche und männliche Figur herausschält. »Es kann für ein Ehepaar stehen. Eine Bindung, in der auch alles anders werden kann«, sagte Bausinger. Auslegbar sei ebenso ein grundsätzlich existenzieller Ansatz, das menschliche Leben mit seinem Werden und Vergehen. Ebenfalls die gleiche Farbe bestimmt beispielsweise die Arbeit »Der Reigen«: Aus verschiedenen Materialien sind drei tanzende Wesen geformt, die reliefartig aus dem Malgrund hervortreten. Und zu den Lieblingsarbeiten Achours zählt ein Bild ohne Titel, in dem sich abermals aus Blau organische Strukturen herauskristallisieren.

Anleihen bei Hesse und Schiller

»Rot in Varianten« heißt eine Serie, in der die Mischtechnik von Farbe und haptischem Material auch angewandt ist. Aus übermaltem Zeitungspapier setzt sich die in Erdtönen gehaltene Collage »Alle Zeit der Welt« zusammen. Literarische Anleihen finden sich etwa bei »Unterm Rad« (Hermann Hesse) und »Kabale und Liebe« (Friedrich Schiller). Auch für Max von der Grüns kritische Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft in seiner Erzählung »Stellenweise Glatteis« interessierte sich Achour. In weißlich-gelben Übergängen ist das Bild gehalten, in dem die eingearbeiteten Gaze- und Gipsspuren Furchen oder Falten entstehen lassen. Irr- und Verwirrwege bilden sich, »durch die der Mensch, ähnlich wie auf dem Glatteis, entgleiten kann«, so Bausinger.

»Achour zeigt kein Abbild der Realität«, betonte Bausinger. Vielmehr gehe es der Künstlerin um »ein work in process, bei dem es keinen Stillstand gibt.« Veränderungen und Verwandlungen geben ihre Werke preis und zugleich, »was bleibt, wie es war«.

Die Ausstellung in der Produzentengalerie Pupille, Peter-Rosegger-Straße 97 in Reutlingen, ist noch bis zum 19. März zu sehen. Geöffnet ist Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr. (vey)



Reutlinger Generalanzeiger vom 3.2.2016

 

Produzentengalerie - Umbruch im Leitungsteam der Reutlinger Pupille nach dem Weggang von Ralf Ehmann

»Wir sind erleichtert, dass es weitergeht«

VON ARMIN KNAUER

 

REUTLINGEN. Mit einer schwierigen Situation war die Produzentengalerie Pupille zum Jahresende konfrontiert: Der Rottenburger Maler und Bildhauer Ralf Ehmann trat aus dem dreiköpfigen Vorstand zurück – und auch aus der Pupille aus. Worauf auch die Malerin Renate Gaisser ihren Rücktritt ankündigte, nicht aus der Pupille, aber aus dem Vorstand.

»Das war ein Schock für uns«, sagt der Kohlstetter Künstler Helmut Anton Zirkelbach, bis dahin neben Gaisser und Ehmann der Dritte im Vorstands-Trio. Vor allem, weil Gaisser und Ehmann die Hauptarbeit getragen hatten. »Ich war die letzten Jahre sehr im Hintergrund«, räumt Zirkelbach ein.

Zwei neue Köpfe im Vorstand

Nun sind die Löcher im Führungsteam gestopft. Zirkelbach rückt wieder mehr ins aktive Geschehen, ergänzt wird er von den neuen Vorstandskollegen Karl Striebel und Engelbert Mayer. Unterstützt werden sie von weiteren Leuten aus der Künstlervereinigung. So kümmert sich Brigitte Tharin weiter um die Finanzen und Elke Roth hat Susanne Gayler in der Pressearbeit abgelöst.

»Wir sind alle sehr erleichtert, dass es weitergeht«, sagt Zirkelbach. Denn wenn sich niemand als Ersatz für die beiden Zurückgetretenen gefunden hätte, dann hätte die Pupille schließen müssen, daran lässt Zirkelbach keinen Zweifel.

Reutlinger Generalanzeiger vom 1.12.2015

 

GALERIEN AKTUELL - Ausstellung unter dem Motto »Oh du fröhliche« in der Produzentengalerie Pupille, Reutlingen

Vom Engel bis zum Totenkopf

 

Gesprüht, geritzt, gemalt und geformt haben sie: 18 Künstler, die in der Reutlinger Produzentengalerie Pupille die Jahresausstellung bestreiten. Unter dem Motto »Oh du fröhliche« steht die Schau. Mit Humor gespickt sind manche Werke und die kreativen Köpfe richten einen eigenwilligen Blick auf das weihnachtliche Treiben. Schweres, schwarzes »Lametta« oder ein zersägter »Oh Tannenbaum« erwartetet die Besucher beispielsweise.

Zahlreiche Gäste begrüßte Vorsitzende Renate Gaisser zur Vernissage am Wochenende. »Kann sich Kunst angesichts der Weltlage auf ein weihnachtliches Motto einlassen? Ist das nicht ein Wegschauen? Und müssten Künstler nicht anderes zeigen als das Schöne, Ästhetische?«, fragte sie in die Runde und forderte zum Nachdenken auf. In der Schau selbst hatten ästhetische Gestaltungsprinzipien Vorrang. Formgebung interessiert Elke Roth, die ihre Marmorplastik »Lametta« nennt. An eine Mondsichel erinnert das Werk. Zum ersten Mal macht die Gedok-Künstlerin bei der Pupille mit und mit ihr startet der Rundgang.

Grell-zerklüfteter Charme

Abstrakte Arbeiten bilden den Schwerpunkt. Einen Bezug zu Weihnachten schafft dabei Margarete List, die ihre Bild-Serie »Die Stille der Nacht« tauft. »Oh Tannenbaum«, abstrahierte Baumstämme in einer Schneelandschaft liegend, betitelt Renate Gaisser ihren Beitrag. Ganz nüchtern ist dagegen Ingrid Swobodas Acrylwerk mit »08051945« benannt, das anders als der sachliche Titel vermuten lässt, enorme Dynamik und Energie versprüht. Intensive Farben bestimmen beispielsweise Uta Albecks Quadrate »Froh zu sein bedarf es wenig« und Renate Quasts Installation »Rot + Grün«. Zarte Stimmungen strahlt dagegen Gabriele Seegers »Rosengewitter« aus. Auch dem Ungegenständlichen verschrieben haben sich Petra Blum-Jelinek (»Zyklus-Augenblicke«), Tjana Niederfeld (»Mädchen, Mädchen«) sowie Doris Knapp (»Leuchtend I und II«). Und einen eigenen, grell-zerklüfteten Charme besitzt Helga Mayers Spraypaint-Arbeit.

Das künstlerische Spektrum erweitern die Drucker. »Oh« und »Du« nennt Xenia Muscat zwei ihrer Monotypien, in denen Vögel abgebildet sind. Feine Linien bestimmen Helmut Anton Zirkelbachs Radierungen, etwa »Happy New Year«, aus dem sich Totenköpfe herausschälen. Mit der Lithografie »Die Zauberkugel« beteiligt sich Gisela List.

Abgerundet wird die Schau durch Kohlezeichnungen von Kirsten von Zech-Burkersroda, die »Gerettete Engel« festhält. Nur einige Schritte weiter lädt ein »Minnesänger« aus Blech und Stein zum Schmunzeln ein. Ihm gegenübergestellt ist eine weitere fröhliche Keramikfigur von Margot Spuhler, »Florentinchen gratuliert«.

Gaisser verabschiedete sich auf der Schau. Sie hatte den Vorsitz federführend übernommen, nachdem Ralf Ehmann die Leitung des Künstlerbundes Tübingen vor Kurzem angetreten hatte und deshalb die Hauptleitung der Produzentengalerie zeitlich nicht mehr schaffte. Gaisser hört Ende des Jahres auf. »Mit der Pupille wird es weitergehen«, versicherte sie. Es gebe Kandidaten für die Nachfolge. (bivey)

Reutlinger Generalanzeiger vom 05. 09. 2015

 

GALERIEN AKTUELL - Nandl Eska und Gabriele Seeger in der Produzenten-Galerie Pupille, Reutlingen

Malerei und keramische Objekte

 

Blau ist die dominierende Farbe. Wer in der Produzentengalerie Pupille auf Entdeckungsreise geht, hinein in die künstlerischen Welten von Nandl Eska und Gabriele Seeger, setzt sich der geheimnisvoll strahlenden, anmutig schimmernden Farbe aus. Geheimnisse scheinen ihre Arbeiten in der Tat in sich zu tragen – die doch in Konzeption und Ausführung ganz unterschiedlich daherkommen.

Hier – stellvertretend neben »Schneckenflöten« oder einem »Blumenmädchen« aus Keramik – fünf Stelen mit Objekten aus Glasurschmelzen, die Nandl Eska auf Filmsequenzen von fließenden Wassern gebettet hat. Archäologischen Funden ähnlich, schälen sich transluzente Schalen aus ihrem rauen Kapselbett. Öffnen Schätze mit Naturanmutung sich, die dem Jahrmillionen alten Meer entstammen könnten.

Demgegenüber die Gemälde von Gabriele Seeger, die dem Betrachter »Fiktive Orte« erschließen – vom Wiesengrund über ein rotes Feld bis hin zu einem Ruhepunkt »Vor der Stadt«. Flächig sind diese naturhaft geprägten Darstellungen, ohne dass jedoch das Grün, das Rot, das Gelb oder das Blau nur aus einer Facette bestünden.

Die Bilder wirken fast, als wollten sie das zu Ergründende hinter eine in schwarze Konturen gefasste Oberfläche verbannen. Mit räumlicher Tiefe – und einem Leuchten aus der Tiefe – geht zugleich etwas Distanzierendes, Trennendes einher.

Die mehr angedeuteten als detailliert ausgearbeiteten Sehnsuchtsorte scheinen gegenwärtig und doch unerreichbar. Wunschräume, die zu betreten es der blauen Stunde oder der Hellhörigkeit desjenigen bedarf, der, den ernsten Grundklang aufnehmend, in sich hineinlauscht. Gleiches gilt auch für Seegers Gemälde »Aufbruch« und »Verhüllter Tag«.

An der Freien Kunstschule München hat die in Überlingen geborene, in Reutlingen lebende Mitbegründerin der Produzentengalerie Pupille, Gabriele Seeger, in den 1970er-Jahren studiert – bei der gebürtigen Weilheimerin Nandl Eska. Als Künstlerkolleginnen und Freundinnen begegnen sich beide in der Ausstellung neu. Eska war zur Vernissage aus München angereist.

Die Ausstellung »Lost And Found« in der Pupille, Peter-Rosegger-Straße 97 in Reutlingen, ist noch bis 27. September zu sehen. Geöffnet ist Samstag und Sonntag jeweils von 15 bis 18 Uhr. (cbs)

Reutlinger Generalanzeiger vom 7.7.2015

 

Wiederhergestellter Naturkreislauf

VON BIRGIT VEY

 

REUTLINGEN. »Ein Urgestein der Pupille«, nannte Galeristin Dorothea Schrade die Künstlerin Anne Rossipaul bei der Vernissage am Freitagabend. Mitbegründerin der Produzentengalerie war die Malerin, bevor es sie wieder in ihren Geburtsort zog, einem vier Häuser kleinen Weiler in der Grafschaft Bentheim an der niederländischen Grenze. Von diesem Haus ihrer Großeltern reiste sie zurück zu den künstlerischen Wurzeln in Reutlingen, um in der Pupille die Ausstellung »back to nature« zu präsentieren.

»Mamu« (für »malende Mutter«) ist Rossipauls Künstlername. Doch wer in der Schau kindliche Motive erwartet, wird enttäuscht. Mamu versteht sich als Schützerin und Bewahrerin der Natur. »Sie ist eine politische Künstlerin, die Missstände aufdecken will und damit versucht, Zerstörung aufzuhalten. Außerdem zeigt sie Lösungswege, indem sie Menschen vorstellt, die als Vorbilder dienen«, erklärte Schrade.

Yocouba Sawadogo ist ein solcher Umweltschützer, dem Mamu ein Porträt widmet. Mit groben Pinselstrichen und in erdigen Tönen hält sie den alten Bauern fest, dem im Norden von Burkina Faso Unglaubliches gelang: Den ausgetrockneten, harten Wüstenboden, auf dem nichts Grünes gedeihen wollte, bepflanzte er mit Samen vom Affenbrotbaum – ein Wald wuchs, und der Wüstenmann konnte seine 60-köpfige Familie ernähren. »Yocouba ist Analphabet. Aber er kann die Natur lesen«, erklärte Schrade. Wie das Yocouba gelang, spiegelt Mamu in ihrer Arbeit. Abgebildet sind etwa Insekten, die sich ansammelten und den Boden lockerten. Festgehalten sind auch Vögel, deren Kot als Dünger diente. Den Naturkreislauf, den Yocouba wieder herstellen konnte, macht Mamu in ihrem Bild sichtbar.

Drei Affenforscherinnen

»In meinen früheren Bildern habe ich eher metaphorisch gearbeitet. Heute sind die Aussagen direkter«, sagt Mamu zu ihren neueren Werken. Dafür steht beispielsweise das Gemälde »Mensch im Affen, Affe im Mensch«, das die drei Affenforscherinnen Jane Godall, Birute Galdikas und Dian Fossey in den Mittelpunkt rückt. Die Verbundenheit der Wissenschaftlerinnen mit den Tieren arbeitete Mamu heraus. Ihr Bild erinnert aber auch an den hohen Preis, den Fossey für ihr Engagement zahlen musste. Die Wissenschaftlerin fand man 1985 in ihrer Hütte mit eingeschlagenem Schädel. Ihr Tod ist bis heute ungeklärt.

Mamu verbrachte ein Jahr in Westafrika. »Ich habe dort als Kellnerin gearbeitet und es gab einen besonderen Tag, an dem Wissenschaftler in die Kneipe stürmten«, berichtete sie. Festhalten ist dieses Erlebnis im Werk »Der Maskenfund«. Entdeckt hatten die Wissenschaftler einen Maskenfriedhof. Weggeworfen wurden die Masken, weil ihre Träger glaubten, die Masken hätten ihre magische Macht verloren.

In allen Gemälden verzichtet die Künstlerin auf Perspektive und Proportionen. Kindlich naiv scheinen sie gemalt zu sein. Doch Mamu baut hintergründige Botschaften ein. Das gilt ebenfalls für das Werk »Mondiale Konferenz«. »Es sollten nicht nur die Weißen Entscheidungen wie etwa bei Klima-Konferenzen treffen, sondern ebenso Afrikaner, die mit ihrer eigenen Mentalität einen anderen Blick auf die Natur haben«, sagt sie.

Insgesamt 22 Bilder hat Mamu aus dem Norden mitgebracht. Bis zum 2. August sind sie in der Peter Rosegger-Straße 97 zu sehen, jeweils Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr. (GEA)



Reutlinger Generalanzeiger vom  21. 4. 2015

 

 

Ausstellung - Tanja Niederfeld zeigt in der Pupille ihre Installation »raum_gefühl« aus Malerei und Objekten

Warum Gertrud im Teller sitzt

VON ARMIN KNAUER

 

REUTLINGEN . Es war die bestimmende Frage am Sonntagmorgen bei der Vernissage von Tanja Niederfeld in der Pupille: Wer ist Gertrud? Ist sie vielleicht gar hier? Kaum einer, der nicht daran herumgrübelte im reichlich gefüllten Saal. Die Künstlerin selbst hielt sich bedeckt: Gertrud sei eine ihr sehr vertraute Person – aber nein, hier sei sie nicht.

Gertruds Aura füllt dafür den Saal. Gleich beim Eintreten läuft man auf sie zu. Fast lebensgroß hat sie auf einem monumentalen Acrylbild platzgenommen. Genauer: in einem gemalten Teller. Einer dieser Teller mit blauem »Zwiebeldekor«, wie ihn wohl jeder aus Omas Küche kennt. Vor dem Bild sind auf dem Boden wie ein Meditations-Mandala sechs mal sechs Originalteller zum Quadrat geordnet. Eine Andachtsnische für Gertrud. Ganz in Zwiebeldekor.

Gertrud in ihrem riesigen Teller blickt versonnen, die gefalteten Hände im Schoß. Vielleicht ist sie mit ihren leicht geöffneten Lippen gerade auf dem Sprung, etwas zu sagen? Ihre sorgsam toupierte Frisur ruft die 60er-Jahre ins Gedächtnis. Doch während Gesicht und Hände ganz plastisch gemalt sind, löst sich ihr Körper im Zwiebeldekor ihres Kleides auf. Sogar die Schuhe tragen es.

Zwiebeldekor im Besenschrank

Blaues Dekor und kein Ende. Tanja Niederfeld hat daraus ein »Environment« gestaltet. In einem Besenschrank mitten im Raum kann man sogar buchstäblich in der Zwiebelmusterwelt verschwinden: Sein Inneres hat eine kleine Lampe – und Wände nur mit blauem Dekor. Das übrigens aus China kommt, wie Kunstvereinsleiter Christian Malycha bei seiner Einführung ausführt. Und keineswegs nur Zwiebeln enthält – sondern vor allem Chrysanthemen, Lotusblüten, Granatäpfel und allerlei Rankwerk.

Die Wand des Ausstellungssaals entlang zieht sich wie eine Bordüre eine Reihe von Vinyl-Singles. Auch sie sind mit Zwiebelmuster verziert. Schlager von Katja Epstein und Tony Marschall sind darunter, Lustiges und Morbides. »Abschied ist ein bisschen wie Sterben«, heißt ein Epstein-Titel. Auch da wehen die 60er und 70er heran. Und aus einem Lautsprecher weht Musik des italienischen Jazzers Gianluigi Trovesi, nostalgisch und doch auch irgendwie modern.

Gegenwart und Vergangenheit mischen sich in dieser Installation, zu der auch noch ein Zwiebelmuster-Drehteller gehört. Gertrud, wie sie da thront in ihrem Teller, scheint ganz dem Hier und Jetzt anzugehören. Doch Omas Zwiebelmusterporzellan und die alten Platten verweisen auf eine längst vergangene Zeit. Eine Zeit, die sich erinnern, aber nicht mehr zurückholen lässt. Daher die Wehmut in Epsteins Lied.

Es geht um das komplizierte Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung. Kunstvereinsleiter Malycha rief in seiner Einführungsrede dazu den Philosophen Edmund Husserl und den Dichter Marcel Proust mit seiner »Suche nach der verlorenen Zeit« als Kronzeugen auf.

Ist man also mit Tanja Niederfeld auf der Suche nach der verlorenen Zeit, wenn man am Zwiebelmuster-Drehteller dreht? Vielleicht in der Tat. Wurzelt doch die Identität jedes Menschen letztlich in der Vergangenheit. In dem, was wir, was Gertrud gesehen, gefühlt, erlebt hat. Die Vergangenheit ist der Schlüssel – und doch nur zugänglich über die Erinnerung. Die ihrerseits aber, siehe Husserl, siehe Proust, ein Heraufbeschwören ist. Fast mehr Neudichtung als Rekonstruktion. Ein schöpferisches Wiederbeleben, in dem Vergangenes und Gegenwärtiges zusammenfließt.

Reutlinger Generalanzeiger vom 7.3.2015

 

 

GALERIEN AKTUELL - Uta Albeck in der Produzentengalerie Pupille, Reutlingen

Glühende Farbenflut in zahllosen Schichten

 

Malerei ist, wenn man sie rein rational betrachtet, Farbe in Form und Struktur auf einer Fläche. Dass sich hinter einem Gemälde ganze Welten verbergen können, kann man nicht immer in Worte fassen. So lässt das zunächst vage anmutende Thema von Uta Albecks Ausstellung »Farbe und …?« dem Betrachter Raum, sich eigene Gedanken zu machen und in eine meditative Stimmung zu kommen.

Eine wichtige Inspiration schöpft Albeck aus den beeindruckenden Landschaften der USA. So besichtigte sie den bei Sonnenschein regelrecht glühend roten Grand Canyon und die blendend hell-weißen Sanddünen des White Sands National Monuments in New Mexico. Die Farbintensität dieser Naturgewalten hat sie tief beeindruckt. Aber auch in der näheren Umgebung ist sie fündig geworden. Ihr Aquarell »Egartenwirtschaft«, welches durch ein kräftig leuchtendes Grün hervorsticht, beruft sich auf eine Feldgraswirtschaft, welche im Alpenvorland bis in die 1950er-Jahre ausgeübt wurde. Vereinzelt gibt es auch neblig-blasse Impressionen zu sehen, wie auf ihrem Acrylgemälde »con sordino«. Hier verweist Albeck mit ihrem Bildtitel auf einen Dämpfer für ein Streichinstrument.

Albecks Aquarelle und Acrylbilder entstehen mit der Nass-in-Nass-Technik, bei der sie nacheinander bis zu zwölf Farbschichten aufträgt, um einen Sättigungsgrad zu erreichen. Mit dem Ausbürsten oder Auskratzen der Farbe gestaltet sie Schraffuren und feine Linien, die den Werken eine Dynamik verleihen.

Farbe sollte natürlich in eine Form gefasst werden. Das Quadrat hat es Albeck durch seine harmonische Gleichmäßigkeit besonders angetan und ist auf vielen ihrer Werke ein strukturierendes Element. Auch wenn ihre Kunst als abstrakt einzuordnen ist, ist das Motiv der Brücke in vielen ihrer Werke dominant. Manchmal schweben brückenartige Elemente in der Atmosphäre, andere sind durch Pfeiler oder andere vertikale Elemente geerdet. »Eine wichtige Brücke zwischen Menschen ist die Kommunikation«, meint Albeck. Natürlich gibt es da »Bruchstellen«, wie auch der Titel eines ihrer Werke lautet, aber die »rechte Balance« gibt den nötigen Halt.

Albecks farbenfrohe Impressionen sind noch bis zum 22. März in der Produzentengalerie Pupille (Peter-Rosegger-Str. 97) zu sehen jeweils samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr. (now)

Reutlinger Generalanzeiger vom  22.11.2014

 

Ausstellung - Eigentlich steht ja noch der Winter an. Aber die Künstler der Produzentengalerie Pupille wenden sich unter dem Motto »Grüngut« schon mal dem Frühling zu

Sprießende Wachstumskräfte

VON ARMIN KNAUER

 

REUTLINGEN. Geht’s Ihnen manchmal auch so? Aus dem Herbst ist noch kein Winter geworden, da sehnt man schon den Frühling herbei. Die Künstlerinnen und Künstler der Produzentengalerie Pupille jedenfalls haben den Frühling vorgezogen. »Grüngut« heißt ihre Sammelausstellung, die es, malerisch und plastisch, in den beiden Räumen in der Peter-Rosegger-Straße 97 nur so sprießen lässt.

Wobei sich der Winter nicht restlos verdrängen ließ, zumal er ursprünglich im Untertitel der Ausstellung stehen sollte. So herrscht denn Frost auf dem reduzierten Alb-Panorama Tanja Niederfelds, das gleichzeitig ein meditatives Spiel der Flächen ist. Winter herrscht auch in Heinz Danzers kühl-nachtblauen geometrischen Kompositionen. Und die Draht-Karton-Plastiken von Esther Rollbühler sehen aus wie krakenartige Gartengeräte, die, vergessen im winterlichen Garten, ein bizarres Eigenleben führen.

Es knospt auf Eisenstäben

Aber dann regt sich, auf einer Acryl-Sand-Arbeit von Gisela Achour, ein erster »Grüner Wind« über der schroffbraunen Landschaft. Und dann ist er da, der Wachstumsimpuls der Natur, unaufhaltsam und saftig. Man sieht ihn, erst noch als Traumvision einer Wiese durch ein Fenster von Nacht auf einem Bild von Gabriele Seeger. Bald aber greifbar und plastisch sich emporschraubend in Tonarbeiten von Jutta Peikert. Hoch knospend auf der Spitze von Drahtstäben bei Jochen Meyder. Und Margot Spuhler ehrt die Kraft des Wachstums gar mit einem Mini-Monument: zwei Stehlen und ein zartes Zweigchen dazwischen.

Malerisch ergreift die Triebkraft des Natürlichen nun alle Papierbögen und Leinwände. Sanft umstreichelt der delikate Pinselstrich von Izumi Yanagiya das Blattwerk. Wie aus einer transparenten Tiefe heraus leuchtet die Frühlingssonne aus den abstrakten Aquarellen von Uta Albeck. Und in den Acrylbildern von Friedel Griesser kommt das sprießende Wachstum zu einem überbordenden Kultminationspunkt. Es ist, als falle der Blick ins Dickicht eines Urwalds.

Solch naturhafte Wucht fordert ironische Distanzierung heraus. In Renate Quasts lichtdurchfluteten Makrofotografien bekommt wucherndes Gras eine industrielle Note. In Ralf Ehmanns surrealistischer Ölmalerei »Schnitt« ist es schon wieder Zeit, die Hecken zu stutzen – die echten wie die gedanklichen. Kirsten von Zech-B. deutet Manets »Frühstück im Grünen« gespenstisch neu. Und Renate Gaisser assoziiert sprießendes Grün morbide mit einer Algenblüte.

Anita Wahl und Ulrike Holzapfel sind schon weiter. Auf ihren abstrakten Bildern ist schon wieder Sommer. (GEA)

Reutlinger Generalanzeiger vom 19.10.2013

 

GALERIEN AKTUELL - Lithografien von Gisela List in der Produzentengalerie Pupille

Lithografische Spielformen

Ihr Lebensraum ist Stuttgart, wo sie im Künstlerhaus in der Reuchlinstraße aus- und eingeht. Dort sind alle gängigen Druckverfahren für Linol- oder Holzschnitte, für Radierungen, Serigrafien und Lithografien auf einem Stockwerk vereint. In den letzten Jahren konzentrierte sich Gisela List vor allem auf den klassischen Steindruck.

Lithografie von Gisela List. FOTO: PFEIFFER
Lithografie von Gisela List. FOTO: PFEIFFER
Mit Plattenkalksteinen aus dem Solnhofer Vorkommen im Altmühltal hat sich die seit 1990 freischaffende Künstlerin reichlich eingedeckt. Nicht um ganze Auflagen zu drucken, sondern um über den Umweg Druckprozess zum Unikat zu gelangen.

Diese Vorgehensweise nennt Gisela List: »Originelle Ursache – große Wirkung«. Solches entspricht eins zu eins dem Titel ihrer Ausstellung in der Reutlinger Produzentengalerie Pupille. Es ist schon einmalig, dass sie zur Eröffnung ihren Stuttgarter Steindrucker Michael Wackwitz anheuerte – ein versierter Fachmann aus der Dresdner Dynastie der Kunstdrucker zu ehemaligen DDR-Zeiten. Er hatte Utensilien zum Bemalen und Ätzen einiger Steine dabei.

Welcher chemische und physikalische Prozess beim Drucken abläuft, brachte die Künstlerin zum Auftakt der Ausstellung kurz auf einen Nenner: Stets ist die Zeichnung, ob linear oder flächig, mit fetthaltigen Substanzen (Kreide, Tusche, Fettfarbe) auf den Stein aufzubringen. Überrollt man die mit Wasser benetzte Oberfläche mit einer eingefärbten Walze, dann nimmt die bildgebende Zeichnung die fettige Druckfarbe an, während die übrigen feuchten Stellen sauber bleiben. Im nachfolgenden Ätzvorgang mit Salpetersäure wird die fetthaltige Zeichnung besser verankert und die nichtdruckenden Stellen hygroskopisch (wasserannehmend) verstärkt. Auf diesem gegenseitigen Abstoßen von gefetteter Farbe und Wasser beruht das Prinzip der Lithografie.

Schwarz-graue Färbung

Gisela List nennt sich »Fachlehrerin für Bildhaftes Gestalten und Werken«. Weiter geht aus ihrer Biografie hervor, dass sie von 1985 bis 1989 ein achtsemestriges Gaststudium der Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart absolvierte. Das Didaktische ist im Vorraum der Pupille unter »Bilder mit dem Oberbegriff Figur« zu sehen. Einige dieser aufrechten Gestalten schließen sich in derselben Person zu Gruppen zusammen: mal filigran, mal an Plastiken erinnernd, mal in sattem Orangerot, mal in der bei Gisela List so oder so vorherrschenden schwarz-grauen Färbung. Jedoch die Figuration bleibt in dieser Ausstellung Ausnahme.

In »freien Formen« lebt sie ihre Spontanität aus, was sich in Formaten zwischen A 2 bis A 0 an den Wänden im großen Raum darstellt. Oft wiederholt sie flächige Grundformen, mischt sie mit einem Geflecht von Ellipsen und Kreisen – alles Grau in Schwarz und umgekehrt, im Wechsel von kompakt und durchbrochen. Wo das Einfarbige einer Komposition nicht ausreicht, setzt sie einen Farbakzent. Das heißt, sie gibt ihrem Drucker unmittelbar an der Lithopresse die Weisung, in einem weiteren Druckgang mit einer auffälligen Farbstellung eine versteckte Tristesse zu überspielen.

Zu sehen ist die Ausstellung bis 27. Oktober in der Peter-Rosegger-Straße 97, Samstag und Sonntag 15 bis 18 Uhr. (hp)          

Reutlinger Generalanzeiger vom 6.12.2011

 

 

Ausstellung - 23 Künstler der Produzentengalerie Pupille demonstrieren in großer Bandbreite ihr Schaffen in den Räumen in der Peter-Rosegger-Straße

Kunst dicht an dicht

VON ARMIN KNAUER

 

REUTLINGEN. Die Kunstwerke hängen an den Wänden, sie stehen auf Podesten und sie liegen auf dem Boden. Man muss derzeit Vorsicht walten lassen, um in der Reutlinger Produzentengalerie Pupille an kein Bild und keine Plastik zu stoßen, denn jeder Quadratmeter in der Peter-Rosegger-Straße 97 ist mit Kunst belegt.

Unter dem Titel »Sichtfeld« gibt in den beiden nicht allzu großen Räumen bis 18. Dezember die Mannschaft der Pupille-Künstler Einblick in ihr Schaffen. 23 Kunstschaffende aus den beiden Verbänden VBKW und Gedok sind hier mit ihren Arbeiten versammelt, 54 Kunstwerke konkurrieren um den knappen Platz. Für den Besucher heißt das: Kunst intensiv und dicht an dicht.

Installationen verbieten sich schon aus Raummangel, Videos finden sich keine, Fotografie bleibt die Ausnahme. Die Pupille-Leute setzen ganz klassisch auf Malerei, Grafik und Plastik. In Malerei und Grafik dominiert, dem Wirbel um Stars wie Neo Rauch zum Trotz, die Abstraktion. Die kann konstruktivistisch ausfallen wie bei Susanne Immer oder Anita Wahl, öfter aber mit organisch ineinander verschlungenen Strukturen wie bei Renate Quast (als Linol-/Holzdruck) oder Heinz Danzer. Auch variiert das Material von Papier und Leinwand bis hin zu Glas (Susanne Gayler) oder reliefartig bearbeiteten Holzplatten (Helmut Anton Zirkelbach) als Malgrund.

Baumstümpfe im Schnee

Zu den einsamen Streitern einer figürlichen Malweise gehören Renate Gaisser mit ihren Baumstümpfen im Schnee, Ralf Ehmann mit seiner zwischen Renaissance und Science-Fiction schwankenden Bildwelt und Mark Krause. Und dann gibt es noch diejenigen, die in kein Raster passen - wie Gisela List mit ihrem Gedicht aus Papier oder Xenia Muscat mit ihren Papiercollagen, die wie kleine Theaterbühnen aussehen. Bei den Plastiken stehen die Vorzeichen gerade umgekehrt, hier dominiert das Figürliche. Abstraktes wie Ulla Frengers topografische Bodenkeramiken bleibt die Ausnahme. Ralf Ehmann, Jutta Peikert und Jochen Meyder erzählen auf je ihre Weise Geschichten, der eine mit Bronze, die anderen mit Ton. Auch da sitzt mit Esther Rollbühler eine reizvoll zwischen den Stühlen mit ihren Drahtobjekten, die man abstrakt oder als biomorphe Wesen auffassen kann.

Beteiligt an der Ausstellung sind Petra Blum-Jellineck, Beate Hanek, Gisela List, Helga Mayer, Gabriele Seeger, Anita Wahl, Jutta Peikert, Ralf Ehmann, Margarete List, Doris Knapp, Susanne Gayler, Susanne Immer, Renate Gaisser, Helmut Anton Zirkelbach, Heinz Danzer, Esther Rollbühler, Renate Quast, Xenia Muscat, Ingrid Swoboda, Gabriele Sieber, Mark Krause, Jochen Meyder und Ulla Frenger. Geöffnet ist Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr. (GEA)

Reutlinger Generalanzeiger vom 10.9.2011

 

Ausstellung - Anita Wahl weist mit einer Bilderauswahl in der Produzentengalerie Pupille auf ihr Gesamtwerk hin

Ein Urzeichen in Ruhe und Dynamik

REUTLINGEN. »In meinem Kopf arbeitet ein Farbcomputer«, sagt Anita Wahl. Wer im Vorraum der Produzentengalerie Pupille ihre Serien von farbigen Strich-codes betrachtet, findet in diesen Reihen von Hunderten feinster Linien in Ölpastell die Bestätigung dieser Aussage. Eine digitale Formation im Großen: Farbstrich - nichts - Farbstrich - nichts - und so weiter. In einer verwirrend schönen, irregulären Ordnung aus Poesie und Rhythmus, aus Zahl und Zufall. Klar und heiter wie eine Partitur aus stehenden Clustern, in denen sich Licht und Farbe zu einem eigenen Kosmos verbinden. »Alles ist Licht« - auch so ein Kernsatz der Reutlinger Künstlerin, die mit dieser Ausstellung auf ihr Gesamtwerk hinweisen möchte.

Von der Malerin immer wieder aufgegriffen: Anita Wahls »Weltformel«-Motiv. FOTO: HDW
Von der Malerin immer wieder aufgegriffen: Anita Wahls »Weltformel«-Motiv. FOTO: HDW
Im Hauptraum der Galerie könnte man sich wie in einem Bild-Kraft-Werk fühlen. Er wird von den beiden großformatigen, über vier Quadratmeter messenden »Variationen« beherrscht, die erhöht angebracht sind. Ein mächtiger diagonaler Balken in Ultramarin, der von zwei schmalen Stativen getragen wird.

Aber wird er wirklich getragen oder ist es allein die Farbe, die sich selbst trägt? Oder ist es der Raum, der die Farbe trägt? Oder ist es das Licht, das die Farbe hält? Auf jeden Fall ist es ein starkes, radikal reduziertes Doppelwerk, dessen Energie auf eine kaum mehr zu komprimierende Formel gebracht wurde. Und: Die Gegensätze von leicht und schwer, von Materie und Freiheit scheinen aufgehoben. Der Ausgleich gelingt, ohne dass die Kraft verloren ginge.

Durch ihre »Weltformel«-Bilder ist Anita Wahl weithin bekannt geworden - allein in zwanzig Einzelausstellungen. Die Bausteine dieser »Weltformel« sind einfach: Ein Kreis, ein diagonaler Balken, der ein Segment betont, drei senkrecht zu ihm stehende breite Streifen, die ihrerseits von schmalen Linien gekreuzt werden, und in der rechten unteren Hälfte ein winziges weißes Oval, das seine Existenz im schwarzen Licht des Hintergrunds behauptet. Anita Wahl malt diese Formel mit der ihr eigenen Beharrlichkeit immer wieder. Sie bedeutet ihr Kosmos, Schöpfung und Existenz. Ein Urzeichen in Ruhe und Dynamik, in dem wiederum Spannung zugleich Ausgleich bewirkt. In dem Physik und Metaphysik sich berühren. In der Pupille ist diese »Weltformel« allgegenwärtig. Als Fries an den Seitenwänden und als mächtiger »Turm« an der Eingangswand.

Fast spielerisch wirken die Tupfenbilder Anita Wahls. Kleine Farbkleckse, die im Weiß tanzen und baden, als wollten sich die Farben im Licht auflösen.

Der luftige Charme dieser Bilder beweist, dass der Farbcomputer im Kopf der Künstlerin auch ein wunderbares Spielzeug ist. Aber nicht nur das: denn wenn der Farbschwarm auf dunklem Grund schwingt und vibriert und gleichsam die schwarze Materie erhellt, dann darf man sich an das Diktum der Künstlerin erinnert fühlen, dass letztlich alles Licht sei. (hdw)

Reutlinger Generalanzeiger vom 19. 03. 2011

 

 

GALERIEN AKTUELL - Susanne Gayler in der Reutlinger Galerie Pupille

Assoziationen einer Istanbul-Reise

 

Zart sind sie, zeichnerisch und assoziativ, die Bilder von Susanne Gayler, die sie in der Produzentengalerie Pupille in Reutlingen zeigt. Kleine Formate mit Temperafarbe auf Leinwand dienen der in Pfullingen lebenden Künstlerin als »Skizzenbuch«. Große Zeichnungen mit Tusche, Bleistift und Acrylfarbe auf Transparentpapier gruppieren sich zur Serie »Üsküdar«.

Üsküdar ist ein alter Stadtteil von Istanbul auf der asiatischen Seite des Bosporus. Die Künstlerin hat ihn im Juni 2010 besucht und war fasziniert vom Zusammenprall europäischer und orientalischer Kultur. Die Eindrücke von dort treiben durch ihre Bilder, nicht abbildend, sondern wie Erinnerungssplitter in einem Gedankenfluss. Das mattweiße Papier dominiert und wird durch wenige prägnante Flächen und Linien gegliedert. Die farbige Tusche kristallisiert beim Trocknen zu reizvollen Strukturen aus. Die Grundstimmung ist hell wie die Stadt unter südlicher Sonne.

Bei näherem Hinsehen entdeckt man Anspielungen auf Parks und Gärten, Moscheen, Straßen, Menschen. Das alles abstrahiert, zeichenhaft reduziert und sich überlagernd. Das Transparentpapier ist beidseitig bearbeitet; einiges ist übermalt und scheint durch einen Schleier weißer Acrylfarbe durch. So dringt der Blick des Betrachters durch mehrere Ebenen wie durch Schichten des Erlebens. In ihren Bildern ist Susanne Gayler denn auch eine Landvermesserin des Inneren. Auf subjektive, assoziative, verrätselte Art fragt sie nach der Stellung des Menschen in der Welt.

Ein blauer Fleck signalisiert meditative Konzentration im Lärm der Straße (»Versunken«). Eine Gestalt duckt sich weg vor dem chaotischen Treiben (»Gebet«). Gesichter sind liegend wie in Wolken oder Felsen eingebettet. Mal klingt Fremdheit an, mal Ruhe, dann wieder Irritation über das verhüllte, »körperlose« Bild der Frau im traditionellen Islam.

Zwei Aquarelle (»Stadtlandschaft«, »Nacht«) und zwei Gouachen (»Gebetsruf« I und II) widmen sich dem Thema Istanbul malerischer, bunter, fast wie ein Brainstorming, das sich zur gemalten Collage fügt.

Auch ihre Tempera-Skizzen sind sehr zeichnerisch und von lebhaftem Linienspiel geprägt. Gesellschaftlich-politische Themen klingen hier unmittelbarer an. Das Bild »Lastenträgerin« kritisiert Kinderarbeit; »Leergedroschen«, mit Mikrofonständern wie abgeerntete Getreideähren, verweist auf Profitorientierung und Politikerphrasen. »Aufbruch« kreist um Nicht-Sesshaftigkeit und Migration.

Als Ausnahme gibt es auch eine großformatige Ölmalerei: »Winterschlaf«, mit kühl schattierten pastelligen Farben und einer angedeuteten schlafenden Figur im Vordergrund. Winter als Bild des Rückzugs und des Auf-sich-selbst-Besinnens. In Richtung solcher großen Formate will Susanne Gayler in nächster Zeit weiterarbeiten.

Zu sehen sind die Bilder bis 27. März in der Produzentengalerie Pupille, Peter-Rosegger-Straße 97 in Reutlingen, jeweils Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr. (akr)

Reutlinger Generalanzeiger vom 5.12.2012

 

Kunst im Dialog auf engem Raum

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN. Während in der Städtischen Galerie und im Kunstverein die Schau »Reutlinger Künstler« läuft, zieht in der Produzentengalerie Pupille eine weitere Ausstellung auf ihre Weise einen Querschnitt durch hiesiges Kunstschaffen. 30 Künstler der Pupille zeigen hier im kleineren, aber mithin auch persönlicheren Rahmen ihre Werke.

Grafik von Gila Menzel-Ehses. GEA-FOTO: ARMIN KNAUER
Grafik von Gila Menzel-Ehses. GEA-FOTO: ARMIN KNAUER
Eine Schau, in der die Arbeiten schon durch die räumliche Nähe in einen intensiven und sehr schön austarierten Dialog treten.

»Reflexionen« steht als Motto über der am Sonntag eröffneten Ausstellung. Das kann das Licht meinen, das sich in der Farbe auf der Leinwand bricht - aber auch die Spiegelung des Gesehenen in den eigenen Gedanken. In der Ausstellung findet man beide Deutungen.

Am verblüffendsten hat das Motto wohl Jochen Meyder verbildlicht, indem er seine aus Ton und Holz angedeuteten Miniaturwesen zwischen vier nach innen gewendeten Spiegeln platziert hat. Von außen sieht man nur vier Holztafeln, deren Weiß das Licht zurückwirft. Reflektiert. Schaut man von oben in das Geviert, verliert sich der Blick in Fluchten von Spiegelungen und Widerspiegelungen. Ein Innenraum ohne Ende, eine Selbstreflexion der Kunst, die ins Grenzenlose stürzt.

Glühendes Rot, leuchtendes Blau

Anders als in der Ausstellung »Reutlinger Künstler« ist abstrakte Malerei in der Pupille ein Hauptstrang. Gleich im kleinen Eingangsraum tritt glühendes Rot in Kompositionen von Petra Blum-Jelinek und Ulrike Holzapfel in einen kontrastreichen Dialog mit dem leuchtenden Blau, über das Anita Wahl ihre geometrischen Formen schweben lässt. Beate Haneks »Totenhemd der Mme Guyon« ist mehr mythisches Zeichen als Abbild eines realen Gewands. Aus tiefem Nachtblau taucht das Gesicht eines Mannes in Gabriele Siebers Zeichnung auf - hier halten sich Farbwirkung und figürliche Darstellung die Waage.

Die roten Flächen werden im Hauptraum von Gabriele Seeger wieder aufgegriffen (»Nachsommer III«). Während die schwungvoll-gestische Abstraktion von Gisela List aus dem Vorraum ihren Widerhall in Ingrid Swobodas gestenreich vibrierender Malerei im Hauptraum findet. Tanzende Striche - von hier ist man schnell bei Izumi Yanagiyas Tuschezeichnungen. Mit sparsamen, aber wirkungsvoll gesetzten Pinselbewegungen ruft sie die Vorstellung von Tanz, Wasser und Atmosphäre hervor.

Und noch mehr Aspekte der Abstraktion: Doris Knapps raffiniert sich überlappende Formengewebe. Oder Helga Mayers urbane Eleganz verbreitende Kombination von Sprühfarbe und Scherenschnittschablonen. Oder Renate Quasts runde Scheiben von Chinapapier, die sie mit weißer Farbe bedruckt und in zwei Ebenen hinter Glas anordnet: ein zartes Spiel mit Licht und Schatten und Nuancen der Helligkeit. Oder Esther Rollbühlers Drahtobjekte: eine Art luftiger Zeichnung im Raum, in ihrer Schwerelosigkeit das Gegenteil von Ulla Frengers dichten, kraftstrotzenden Tongebirgen mit ihren archaischen Brennspuren. Aber Abstraktion ist nicht alles in dieser Ausstellung. Ralf Ehmann etwa erzählt eine mystische Geschichte, die an Fantasyromane denken lässt - fast dieselbe Szene hat er einmal in Ölmalerei gefasst und gleich daneben in blendend weißen Marmor gearbeitet.

Durch Wachs durchscheinend

So explizit wird es bei den meisten anderen nicht. Xenia Muscat deutet in ihren kleinen Radierungen vielfältige Bezüge zu Literatur auf engstem Raum an. Gila Menzel-Ehses lässt Motive - Schrift, Tiere, menschliche Körper - durch Schichten von Wachs durchscheinen.

Auch bei Brigitte Tharin spielt dieses Durchscheinen eine Rolle. Bei ihr finden sich aber auch blind gezeichnete Gesichter - Gedankenbilder, wie sie selbst es nennt, eine Auseinandersetzung mit dem, was aus dem Inneren hochsteigt. Und Renate Gaissers »Sumpf 1« ist mindestens ebenso sehr innere wie äußere Landschaft - ein Raum, der sich aus erdigen Farbaufträgen erst beim Zurücktreten zusammensetzt. Und der in der Neuschöpfung der Landschaft durch den Betrachter auch dessen eigene Gedanken spiegelt. Reflexionen eben. (GEA)


Reutlinger Generalanzeiger vom 10. 09. 2009

 

Ausstellung - Ölbilder und Collagen der Tübinger Künstlerin Eva Unterberger in der Produzentengalerie Pupille. Zeugnisse einer lebendigen und gelassenen Reife Die Kraft des Leisen

HANSDIETER WERNER

 

VON HANSDIETER WERNER

REUTLINGEN. Zeit der Reife: Gut dreißig Arbeiten, Ölbilder und Collagen, zeigt Eva Unterberger in dieser Ausstellung. Einen kleinen Teil nur ihres Gesamtwerkes, aber einen bedeutenden, der das Streben dieser Künstlerin nach dem Wesentlichen, nach der immanenten Wahrheit in den Erscheinungen der Welt und des Lebens darlegt.

Die zierliche alte Dame mit den wachen Augen zählt zu den Stillen im Land. Auch ihre Kunst ist eine leise. Eine, die Zeit hat und Zeit einfordert beim Betrachten. Aber die piani und pianissimi dieser Kunst - Eva Unterberger mag die Musik - sind eindringlich und bewegen die Sinne und das Herz. Das Leise wird zum Starken. Zur Kraft des Gefühls, das abseits des heftigen Ausdrucks den mehr kontemplativen Weg der Durchdringung des Materiellen und seiner Vergeistigung sucht. Bei Eva Unterberger geschieht das vor allem über die Farbe. Es sind oft dunkle, stille, in sich ruhende und in sich reich modulierende Farben, die keine komplementären Spannungen benötigen, um zu wirken, sondern die aus ihrer eigenen Tiefe ihre Energie schöpfen. Das Licht aufsaugen und es in gesammelter Innenstrahlung wieder zurückgeben. Das hat mit Poesie, aber auch mit einem mystischen Ansatz und einer metaphysischen Orientierung zu tun. Goethes Lehre von den farbigen Schatten dürfte der Künstlerin ebenfalls vertraut sein.

Vollendete Schöpfungen

Ausblicke sind es oft, die Eva Unterberger gestaltet. Ausblicke von ihrem Tübinger Atelier oder vom ehemaligen Atelier am Stuttgarter Eugensplatz. Ausblicke, die Einblicke gewähren. Über Garagendächer auf dichte Baumreihen, in deren vielstimmiger grüner Dichte sich die Natur selbst auf geheimnisvolle Weise offenbart. Oder es sind da die zarten, aquarellhaften Stillleben, ganz schlichte, wundersam in sich vollendete Schöpfungen, in deren Gegenständlichkeit ein feines Licht schwingt. Oder die zauberhaft reduzierten Blumenbilder mit ihrer graziösen Leichtigkeit. Der sanfte Nebel des »Roten Hauses«, das gleichsam con sordino gemalt wurde. Aber der Künstlerin ist auch Humor eigen wie in dem Bild »Was ihr wollt«, mit dem sie den Betrachtenden mit ihren Fragen, was da nun zu sehen sei, die im Titel enthaltene Antwort gibt. In manchen ihrer Collagen arbeitet sie mit gedruckten Texten. Mit Faltungen und Auffächerungen bis hin zu dreidimensionalen Objekten mit Buchcharakter. 1749, das Geburtsjahr Goethes, steht über einer Hommage an den Dichter. Sie besteht aus einem Reigen der Druckfahnen zum Tübinger Goethe-Wörterbuch, an dem ihre Schwester Rose Unterberger mitgearbeitet hat. Zeitkritisch äußert sich Eva Unterberger in der Collage »Hurra Deutschland!« zur Wiedervereinigung von 1989, wobei es ziemlich chaotisch zugeht. Bei einem heißen Rhythmus.

Dies alles sind Zeugnisse einer lebendigen und gelassenen Reife frei von Eitelkeiten, die mit hohem Können und mit gelebter Erkenntnis zu umschreiben wäre und die eine bleibende Freude jenen stiftet, die sie gewahr werden. (GEA)


Reutlinger Generalanzeiger vom 17. 10. 2007

 

 

Ausstellung - Verband Bildender Künstler und Gedok betreiben die neue Produzentengalerie »Pupille«

Vielfältige Appetitanreger im Quadrat

REUTLINGEN. An bekanntem Reutlinger Kunstort, in der Peter-Rosegger-Straße 97, an dem auch die städtischen Stipendiaten ausstellen, hat die neue Produzenten-Galerie »Pupille« ihre Heimat, im hinteren Teil des Gebäudes. Sie ist durch Zusammenschluss von Künstlern des Verbands Bildender Künstler Württemberg (VBKW), Region Neckar-Alb, und der BK-Gruppe der Gedok Reutlingen entstanden.

In ihrer ersten Ausstellung »40²« präsentiert die Künstler-Initiative ein Panorama ihrer Schaffensbreite: Jeder der rund 40 Künstlerinnen und Künstler hat dazu ein Werk in den Maßen 40 mal 40 Zentimeter geliefert, sei es Fotografie, Malerei oder Skulptur. Mit der ausschließlich formalen Korrespondenz als Klammer ist die Ausstellung vor allem als Appetitanreger auf die Kunstproduktion dieses Kreises aufzufassen.

Der vielfältige Werkreigen beginnt mit der zur Galerie namensgleichen Fotografie »Pupille« von Renate Quast, in der vier Aufnahmen von Ziegelbauwerk so aneinander gesetzt sind, dass ihre Schatten und Linienführung neue räumliche Perspektiven erschließen.

Unter den grafischen Beiträgen sind abstrakte wie gegenständliche Zeichnungen zu sehen, etwa Gabriele Siebers »Lesezeit« mit Händen, die im aufgeschlagenen Buch den Zeilen folgen. Ein emblematischer Scherenschnitt stammt von Doris Knapp und teils massig gepinselte Tuschearbeit ohne Titel von Izumi Yanagya. Hilde Franz' aquarellierter »Blick auf Achalm« hängt neben Friederike Justs »40 plus«, einem melancholischen Ölbild einer Frauengestalt, in dem eine Glühbirne gleich einem Galgen von der Decke hängt. Nur ein Portrait weiter beschwört MAMU in »Studentin mit Kind« die mütterliche Beziehung, indem mit durchgehendem Strich die Gesichter von Mutter und Kind in Form einer liegenden Acht, dem Unendlichkeitszeichen, gemalt und verbunden sind.

Auf die Wirkung der Farbe setzen Acrylwerke etwa von Frieder Zimmermann, dessen knalliger »yellow moon« keine Silbermond-Romantik, aber viel Tiefenwirkung aufweist. Lösen sich in Martina Milkes »Boot« die Formen in Bewegung auf, setzt Karin Beck auf comicartige Gestaltung von »Jetzt fühle ich mich okay, aber ich weiß nicht, was ich hier soll«. Spraylack, Gouache, Email auf Kupfer, Erde auf Papier oder Keramik: Der Materialreichtum der Arbeiten wird abgerundet durch Esther Rollbühlers »Blust«, zarten Figuren aus Pappe und Pressspan auf Draht, Susanne Immers Kunststoffschlauch-»Spule« und Jochen Meyders Styropor-Draht-Skulptur. Mit dieser Ausstellung beweisen die Pupille-Künstler, wie viel Vielfalt in einheitlichem Format geboten werden kann. Am 20. Oktober von 19 bis 1 Uhr kann man sich auch in der Reutlinger Kulturnacht ein Bild davon machen. Danach ist die Schau bis 11. November zu sehen, jeweils Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr. (sol)